NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke

NachGedacht: Rücktritt machen

Stand: 27.08.2021 07:53 Uhr

Eine einst nicht ganz unwichtige Tätigkeit ist völlig aus der Mode gekommen. Alexander Solloch fordert sie zurück.

NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke
Beitrag anhören 4 Min

von Alexander Solloch

Wer heute um die 40 ist, hat einst in Zusammenhängen wie diesen erfahren, dass es eine kulturelle Errungenschaft namens "Rücktritt" gibt:

Gerhard Stoltenberg beendete seine Tätigkeit als Bundesverteidigungsminister (und als Politiker insgesamt), nachdem bekannt geworden war, dass sein Ministerium Panzer aus NVA-Beständen an die Türkei verscherbelt hatte. Das war im März 1992. Bundesinnenminister Rudolf Seiters trat ein gutes Jahr später - gegen den Willen des Bundeskanzlers - zurück, weil nach einem GSG-9-Zugriff gegen RAF-Terroristen am Bahnhof von Bad Kleinen zwei Tote zu beklagen waren.

Seiters hatte den Einsatz nicht befehligt, fühlte sich aber doch, wie heißt denn dieses antiquierte Wort, ja, er fühlte sich: zuständig. (Es gibt dann noch den Sonderfall von Rücktritt, wie ihn etwa die Ministerin Leutheusser-Schnarrenberger in den neunziger Jahren übte, die freiwillig ging, weil sie eine bestimmte Politik, die sie in der Kabinettsdisziplin hätte vertreten müssen, nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnte; aber das ist dann schon Hochkultur.)

Ein Amt ist kein Beruf, sondern eine Ehre

Jedenfalls waren das so Maßstäbe, die sich damals im Kopf des heranwachsenden Beobachters dieser interessanten Vorgänge herausbildeten: Ein Amtsträger, der Mist gebaut hat oder in dessen Namen Mist gebaut worden ist, kann dafür die Verantwortung übernehmen. Das kostet niemanden Kopf noch Gesicht, reinigt aber die Seelen und Gemüter. Ausgedrückt wird mit einem Rücktritt: Mir geht nicht alles am Allerwertesten vorbei. Ein Rücktritt ist keine Strafe; sein Ziel liegt nicht darin, das berufliche Vorankommen, gar die Karriere eines Einzelnen zu zerstören. Ein Rücktritt dient dazu, eine ganz entscheidende Idee der Demokratie herauszustellen: Ein Amt - speziell: ein Ministeramt - ist kein Beruf, sondern eine Ehre; es ist immer zeitlich befristet.

Man muss kein Spezialist sein, um es zu übernehmen - der demokratische Gedanke besagt ja gerade, dass prinzipiell jeder für jedes Amt in Frage kommen müsste: Der Minister ist kein Experte, die Ministerin ist eine Bürgerin. Er und sie müssen allerdings die Bereitschaft aufbringen, sich einzuarbeiten und Verantwortung zu tragen. Diese gute Idee ist leider so unbekannt, dass sie gelegentlich das grelle Scheinwerferlicht braucht. Gäbe es also den Rücktritt nicht - und zur Zeit deutet wenig darauf hin, dass es ihn gibt -, man müsste ihn jetzt erfinden, als freundliche Hilfestellung für Leute wie diese:

Heiko Maas, der twitteröffentlich mit seinen Gedanken immer bei den jeweils zu beklagenden Opfern und ihren Angehörigen ist, offensichtlich aber nur selten bei seiner Aufgabe; Horst Seehofer, der in den vergangenen Jahren und noch bis vor wenigen Wochen Abschiebungen nach Afghanistan zur Steigerung seines persönlichen Wohlgefühls benötigte; Olaf Scholz, der sich wahrscheinlich gar nicht mehr daran erinnern kann, dass sich ein G20-Gipfel punktuell von einem Hafengeburtstag unterscheidet; und Andreas Scheuer, Jens Spahn und Julia Klöckner feiern sowieso jeden Tag die Gnade ihrer späten Geburt, die es ihnen möglich machte, in einer Zeit Ministerämter zu bekleiden, in der es überhaupt nicht mehr den geringsten Dresscode zu geben scheint.

Die Politik als taktisches Spiel

Bundeskanzlerin Merkel hat bedrückenderweise nie irgendwelchen erkennbaren Wert auf erhöhte Leistungsbereitschaft ihrer Ministerinnen und Minister gelegt. Nie hat sie vom ehrwürdigen Instrument der Kabinettsumbildung Gebrauch gemacht, nie hat sie mal jemanden entlassen - bis auf Umweltminister Norbert Röttgen, weil der als CDU-Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen nicht gut performt hatte. Inzwischen ist er natürlich wieder dick im Geschäft und erklärt als Außenpolitiker in Talkshows nun immer hinterher, was vorher zu wissen auch mal ganz hübsch gewesen wäre. Bei Sandra Maischberger hat er vergangene Woche eingeräumt, auch er habe im Frühjahr im Bundestag dagegen gestimmt, die afghanischen Ortskräfte nach Deutschland und damit in Sicherheit zu bringen, weil das ja ein Antrag der Opposition gewesen sei, und als Regierungsfraktion könne man doch nicht und so weiter.

Aber wenn Politik - wie in diesem Fall nur zu offensichtlich - bloß als taktisches Spiel betrieben wird, dann braucht man wirklich nicht noch in Ballaballadeutsch zu plakatieren, es gehe um die Menschen, wenn es um Deutschland gehe. Vertrauen verdient stattdessen, wer auf seine Wahlplakate schreibt: "Für die Quote - 20 Prozent Rücktritte in der nächsten Regierung." Der christdemokratische Kanzlerkandidat darf, wenn er will, auch gern schreiben: "Rücktritt machen!"

Weitere Informationen
Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Weitere Informationen
Ursula Weidenfeld (links) und Angela Merkel © picture alliance/dpa Foto: Christoph Soeder

"Die Kanzlerin": Ursula Weidenfeld porträtiert Angela Merkel

In ihrem Buch "Die Kanzlerin" zeichnet Ursula Weidenfeld das "Porträt einer Epoche". Im Interview spricht sie darüber. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 27.08.2021 | 10:20 Uhr

NDR Kultur Livestream

Matinee

09:00 - 13:00 Uhr
Live hörenTitelliste