Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Performance-Ikone Marina Abramović packt ihren Koffer

Stand: 06.08.2021 00:00 Uhr

Nachdenkerin Claudia Christophersen sinniert über das Kofferpacken und lässt sich dabei von Marina Abramović inspirieren.

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Claudia Christophersen

Kofferpacken ist eine Kunst, eine Herausforderung, oft auch eine Katastrophe. Die Performance-Ikone Marina Abramović ist gerade nach Tübingen zu ihrer aktuellen Ausstellung geflogen. Auch sie musste ihren Koffer packen, nimmt die Tätigkeit aber bewundernswert gelassen - findet Claudia Christophersen.

Die einen schwelgen sehnsuchtsvoll in Erinnerungen an Meer, Palmen, Cappuccino. Andere dürfen sich darauf noch freuen, haben die Bilder aber schon jetzt in ihrer Fantasie im Kopf. Egal, ob Vorfreude oder Nachfreude, Ausblick oder Rückblick - mit dem Reisen verbunden ist immer auch ein leidiges, notwendiges Ritual: das Vorausplanen aller Eventualitäten fernab der heimischen Behausung, das uns zum Kofferpacken zwingt.

Marina Abramović in Tübingen

Die in New York lebende Künstlerin Marina Abramović hat sich diesem Ritual gerade erst wieder unterzogen, als sie nach Tübingen zu ihrem neuen Ausstellungsprojekt reiste. Auf Twitter wurde ein Video mit einer Art Interview gepostet. Abramović im Flugzeug muss sich Fragen stellen lassen. Eine lautet, was sie denn in ihren Koffer gepackt habe. Ihre Antwort, tiefenentspannt, gut gelaunt und freundlich: Sie habe eingepackt: Wurst, deutsche Salami, deutsches Brot, gekochte Eier, Zucchini, Tomaten, auch etwas Knoblauch, viele Zwiebeln. Das alles sei bestes Antibiotikum. Das also gleich zur Vorwarnung: wenn Abramović kommt, dann bringt sie Antibiotikum mit. Was will sie uns damit sagen? In Deutschland braucht man starke Medikamente? Oder: Wenn sie nach Deutschland kommt, bringt sie Antibiotikum mit, nicht etwa die Delta-Variante?

"Jenes selbst / unser selbst" heißt ihre Ausstellung in Tübingen. Das klingt nach anspruchsvoller Philosophie. Und es ist auch kein Zufall, der die heute 74-Jährige und ihr Werk in die Stadt am Neckar führt. In den 1970er-Jahren kam die gebürtige Belgraderin nach Tübingen, probierte sich aus, später auch mit ihrem Künstlerpartner Ulay, versuchte Fragen nachzugehen: Wo in uns sind männliche, weibliche Seelenanteile? Wie funktionieren spirituelle Techniken? Hypnose oder Meditation?

Inspiration: Die Abramović-Methode

An diese künstlerische Phase des Schaffens will Abramović jetzt anknüpfen. In ihrer Kunst hat sie sich und ihren Körper immer wieder herausgefordert: Sie hat sich ausgepeitscht, versuchte sich als Geisterheilerin, Schlangenbeschwörerin, pilgerte entlang der Chinesischen Mauer oder saß schweigend im New Yorker Museum of Modern Art und blickte ihrem Gegenüber in die Augen. 2010 war das. "The Artist is Present" hieß die Mammutperformance, die 721 Stunden dauerte und Abramović zum globalen Superstar machte.

Marina Abramović ist fortwährend auf der Suche nach ihrem spirituellen Selbst. Wie sie das künstlerisch umsetzt, davon erzählt die Ausstellung in Tübingen. Videos ihrer Werke, Installationen, Performances werden wandfüllend in die Räume projiziert. Marina Abramović überlebensgroß und ganz nah an ihrem Publikum. Kunst wird hier neu definiert. Kunst als tiefe Erfahrung, als Einübung von Stille, Konzentration und Langsamkeit. Nur so, sagt Abramović, lässt sich die Reise ins Innere antreten, die sogenannte Abramović-Methode. Wie die funktioniert, zeigt sie in ihren legendären Workshops in Griechenland, in New York oder digital: In 60 Minuten ein Glas Wasser trinken, in Zeitlupe durch den Wald gehen, Linsen und Reiskörner mischen und dann getrennt zählen. Unsinn? Esoterischer Quatsch? Schamanismus? Alchemie? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Große Kunst ist das alles ohne Zweifel. Menschen, die Marina Abramović folgen und ihre Übungen gemacht haben, berichten, sie seien danach ruhiger, gelassener, freundlicher geworden. Also, ausprobieren. Es könnte sich lohnen.

Weitere Informationen
Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 06.08.2021 | 10:20 Uhr

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