Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Friedrich und Friedrich

Stand: 16.01.2020 18:05 Uhr

Namen sind… wir alle wissen es. Aber verdienen nicht auch Schall und Rauch triftiges Nachdenken? Alexander Solloch versucht's.

Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann
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von Alexander Solloch

Groß ist jeglicher Friedrich und wirkmächtig. Die Geschichte ist reich an Beispielen, die zumindest jedem, der einst Schulbildung genossen hat, ohnehin vor Augen stehen dürften, hier aber für alle anderen - und es werden ja immer mehr - noch einmal kurz aufgefächert seien.

Als junge Menschen noch in die Schule gingen, lasen sie irgendwann Friedrich Dürrenmatt, und er lüftete mit seiner kristallklaren Präzision ihre Köpfe, in die sich der Gedanke einschrieb: Lesen ist gut, Friedrich sei Dank. Sie lernten vielleicht auch, dass Friedrich Ebert, der erste deutsche Präsident, zwar an einer unlösbaren Aufgabe scheiterte, sich ihr aber doch mit bewunderungswürdigem Mut stellte. Am Wochenende gingen die jungen Menschen dann ins Fußballstadion und freuten sich womöglich an den lustigen Patzern und kühnen Heldentaten von Manuel Friedrich. Und schließlich: Wer aus der grauhaarigen Generation der Schul- und Stadionkenner würde je die beiden gewitzten Knetmännchen aus der tschechischen Kinderserie vergessen, Friedrich und Friedrich?

Dieser Name kündet von Größe

Dieser Name kündet von Größe. Der Chef des Bundeskanzleramts, der diese Woche nach der Verewigung der Schulschließungen erklärt hat, er wisse ganz genau, was das "für Eltern und Familien" bedeute, während er offenbar nicht ganz genau weiß, dass in der Regel nicht Eltern und Familien zur Schule gehen, sondern Kinder, heißt hingegen keineswegs Friedrich, sondern Helge. Und der niedersächsische Wirtschaftsminister, der jetzt gern endlich auch die Grundschulen dicht gemacht hätte, weil ja das Schulhalbjahr sowieso bald vorbei ist und "die wesentlichen Leistungen erbracht" seien, so dass die Leistungserbringer, die man in anderen Kulturen "Kinder" zu nennen scheint, gut auch im Muff zu Hause ersticken können, heißt Bernd. Bernd heißt der Althusmann, der immer schön seine Leistung erbracht und nie was gelernt hat, Bernd und nicht Friedrich, und das beweist es ja.

Friedrich aber ist groß, genauer: Friedrich und Friedrich sind es. Friedrich Curtius ist Generalsekretär des Deutschen Fußballbundes. Man muss nicht zur Schule gegangen sein, um das zu wissen, man kann es nämlich haarklein auch bei Wikipedia lesen in einem sehr schönen ausführlichen Text, der auch das Studienjahr am Dickinson College in Pennsylvania nicht unerwähnt lässt. Dort hat Curtius sich vielleicht in der hohen Kunst der Selbstvermarktung ausgebildet. Der SPIEGEL berichtete vor ein paar Tagen, der Artikel in Wikipedia sei "bearbeitet" worden von einem Beratungsunternehmen,  das für diese Dienstleistung vom DFB mit 15.000 Euro entlohnt worden sei, in Wahrheit also von den Mitgliedern des Verbands, von den Eltern etwa, die ihre … ach, da hätten wir sie ja schon wieder, diese kleinen Rotznasen, die immer irgendwie im Weg ‘rumstehen: die lieben Kinder, und ihre Eltern, wie gesagt, können sie grad ohnehin nicht zum Fußballtraining bringen, da sind sie bestimmt froh, wenn sie in der gesparten Zeit Qualitätstexte über DFB-Funktionäre lesen und bezahlen können.

Friedrich Merz' elegante Umdeutung des Begriffs "anbieten"

Und nun wollen wir zum Schluss doch Friedrich Merz nicht noch den Tort antun, ihn zu vergessen. In seiner unfulminanten Rede, mit der er sich am Wochenende um den Vorsitz seiner Partei bewarb, erklärte er, er sei mit 16 Jahren in die CDU eingetreten und nicht "in eine Vermittlungsagentur für Regierungsämter". Seitdem sind nun aber fast 50 Jahre vergangen, in denen die Welt sich radikal gewandelt hat, und wer wäre die CDU, wenn sie sich als Teil dieser Welt nicht mitgewandelt hätte, etwa in eine Vermittlungsagentur für Regierungsämter! An Merzens großzügigem "Angebot", er könne ja, wenn schon nicht CDU-Chef, dann eben Wirtschaftsminister werden, ist interessant vor allem die elegante Umdeutung des Begriffs "anbieten", der fortan bedeutet:  jemandem etwas vorschlagen, das dieser überhaupt gar nicht wollen kann. Das muss mit Beispielen geübt werden, damit es sitzt, etwa: Bieten wir doch dem Virus an, es könne verschwinden! Oder: Ich biete Ihnen an, bald mit meinem Nachdenken zu einem Ende zu kommen.

Vorher noch kurz die Frage: Wie äußert sich denn die Dichtkunst zu den Großambitionierten? Zu Friedrich und Friedrich?

"Was brauchst du? Einen Baum, ein Haus zu ermessen, wie groß, wie klein das Leben als Mensch, wie groß, wie klein, wenn du aufblickst zur Krone, dich verlierst in üppiger Schönheit, wie groß, wie klein, bedenkst du, wie kurz dein Leben, vergleichst du es mit dem Leben der Bäume."

Das schreibt die Mayröcker. Friederike!

Weitere Informationen
Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 22.01.2021 | 10:20 Uhr

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