NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke

NachGedacht: Es gibt keinen Neuregen

Stand: 17.09.2021 06:00 Uhr

"Der langweiligste Wahlkampf aller Zeiten", stöhnen die, die die Wahlkämpfe 2017, 2013 und 2009 nicht mitbekommen haben. Ist die Langeweile vielleicht identitätsstiftend? Fragt NachDenker Alexander Solloch.

NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke
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von Alexander Solloch

Der unbekannte Mensch, der als erster in eine Tollkirsche biss, kann nicht genug gewürdigt werden. Er fiel tot um, damit nach ihm all die anderen - durch seine Erfahrung gewitzigt - nicht mehr tot umfallen müssen. Der erste, der am Nordpol einem Eisbären guten Tag sagte, der erste, der Chicoréesalat (mit Mandarinen) probierte, der erste, der einen Roman von Roland Schimmelpfennig las: so viele stille Helden gibt es, die Leid auf sich nahmen, um es uns zu ersparen.

Gut einhundert Milliarden Menschen haben bislang gelebt, schätzen professionelle Schätzer; einhundert Milliarden Menschen, die in den vergangenen drei Millionen Jahren so viele Erfahrungen gesammelt haben, dass uns Heutigen kaum noch welche übrig bleiben. Neu ist dieser Gedanke natürlich nicht, aber welcher Gedanke wäre das schon? "Es gibt keinen Neuschnee", schrieb Kurt Tucholsky: "All deine Lebensgefühle hat schon einer vor dir gehabt; so hat schon einer geglaubt, gezweifelt, gelacht, geweint und sich nachdenklich in der Nase gebohrt, genau so. Es ist immer schon einer dagewesen."

Nichts ist neu - alles war schon mal da

Weil der Mensch das Denken trotzdem nicht ganz drangeben will, besteht eine der wichtigsten Gedankengymnastikübungen der organisierten Tucholsky-Freunde darin, über die Frage zu sinnieren, was der große Meister wohl heute sagen würde? Nun, die Antwort ist leicht, er würde heute sagen: "Es gibt keinen Neuregen". Das Ergebnis ist dasselbe.

Alles ist schon einmal dagewesen. Was so langweilig klingt, bringt aber doch Wundervolles hervor. Die Automatenstimme der Deutschen Bahn, die auch die geschultesten Teilnehmer am Identitätsdiskurs immer um den Verstand bringt, wenn sie ihren Angaben zum Gleiswechsel des in diesem Moment einfahrenden ICE ein gelassenes "Ich wiederhole…" folgen lässt, just so, als könnte nichts klarer und natürlicher sein als ein Roboter, der von sich selbst als "Ich" denkt - diese Automatenstimme kann in Situationen, die das erfordern, etwa auch dies sagen: "Grund dafür ist eine Beeinträchtigung durch Vandalismus."

Räuspernde Sprechautomaten bei der Bahn

Ist das nicht toll? Irgendwo in ihrer stillen Schreibstube hat sich die Automatenstimmenprogrammiererin auf Grundlage bisheriger Menschheitserfahrungen überlegt, was auf die Automatenstimme alles zukommen könnte, und diese so für alle Zukunft präpariert. Mögen die Vandalen wüten - der Roboter bleibt immer auskunftsfähig, und man kann vermuten, dass die drei von der Kanzlerkandidatur sich auch schon entsprechend programmieren für den Fall, dass sie in neun Tagen gefragt werden: "Woran hat's gelegen?"

Armin Laschet wird dann sagen: "Grund dafür ist eine Beeinträchtigung durch Markus Söder." Annalena Baerbock darf behaupten: "Grund dafür ist eine Beeinträchtigung durch uns selbst." Und Olaf Scholz (automatisiert ganz in seinem Element): "Grund dafür ist eine Beeinträchtigung durch die Staatsanwaltschaft Osnabrück."

Kein Neuregen weit und breit? Ich schwöre, am Ende der Vandalismus-Durchsage hat sich der Sprechautomat geräuspert. Das gab's noch nie, oder? Der Duft des Neuen liegt in der Luft.

 

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Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 17.09.2021 | 10:20 Uhr

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