NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke

NachGedacht: Die Tränen des Guten

Stand: 25.11.2021 16:25 Uhr

Als er erfahren hat, dass er diese Woche mit Nachdenken dran ist, hat Alexander Solloch erst einmal geweint. Daran muss aber gar nichts Schlechtes sein.

NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke
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von Alexander Solloch

Es war einmal ein sogenannter Weltschiedsrichter, den man vor allem deshalb so nannte, weil alle Welt sich fragte, wann er denn wohl damit aufhören werde, Schiedsrichter zu sein. Als dann endlich sein letzter Pfiff erklang, drückte Markus Merk auf einen Knopf und heraus sprudelten spritzigfrisch Millionen Tränen aus seinen für den Tränenfluss ja immerhin auch vorgesehenen Augen. (Falls uns jemand aus dem Großraum Gelsenkirchen zuhört, wird er oder sie der bösartigen Behauptung beipflichten, dass dieser merkwürdige Referee die Augen jedenfalls nicht übertrieben oft für die angemessene Beurteilung fußballerischer Situationen benutzt habe. Dann schon lieber: Tränen!)

Weinende Männer auf dem Fußballplatz - kann es Ergreifenderes geben? Zweifellos. Der Versuch des Schiedsrichters, Oliver Kahn, dessen etwas ruhmreichere Laufbahn in derselben Sekunde endete, für eine gemeinsame Träne einzuspannen, schlug immerhin fehl. Kahn guckte einfach verdrossen wie stets, und da hatte man ihn fast schon wieder lieb.

Von Tränenpfützen, -bächen, -rinnsalen und -flüssen

Die Wissenschaft - in diesem Fall die Lakrimologie - hat festgestellt, dass der durchschnittliche Mensch im Laufe seines Lebens 70 Liter Tränen vergießt, das wären dann 4,2 Millionen Einzeltränen. Es ist wichtig, das so genau festzuhalten, weil nicht alle Tränen einander gleichen. Wir dürfen nicht einfach undifferenziert vom "Tränenmeer" sprechen: Ozeanologen und Ozeanologinnen bestätigen, dass ein solches bislang noch nicht entdeckt worden ist. Tränenpfützen hingegen gibt es und -bäche und -rinnsale und, ja, natürlich auch Tränenflüsse. Sie alle sind teilweise streng voneinander zu unterscheiden.

Über die Träne der Trauer können wir nur schweigen: Sie hat von allen Tränen die größte Würde und Macht - eine Macht, die momentweise alles stillstehen lässt. Über die Träne der Selbstergriffenheit wollen wir nur schweigen: Sie ist eitel und angeberisch und vermutlich nicht einmal echt. Man darf annehmen, dass die Flüssigkeit, die der Schiedsrichter uns in seinem letzten Auftritt als "Tränen" verkaufen wollte, einen viel zu geringen Salz- und einen beträchtlich überhöhten Zuckergehalt aufwies. Immerhin lässt sich daraus in einem sehr unkomplizierten chemisch-psychologischen Prozess das Edelmetall des 21. Jahrhunderts gewinnen, es heißt "Kitsch". Jeder Träne wohnt ein Nutzen inne, aber genug davon. Hört einfach auf damit, ihr falschen Heulsusen, ihr Tränensäcke, ihr!

Nach dem Lachen kommen die Tränen

Aufregend, bislang kaum überzeugend erforscht und wahrscheinlich nie hinlänglich auszudeuten ist hingegen die Träne des Guten. Wenn etwas so unbegreiflich gut ist, dass man nicht mehr lachen kann - dann muss man weinen. Ist es nicht so? Für die Freude, die mich packt, wenn ich einem Musiker dabei zuschaue, wie er Könnerschaft, Gelassenheit und zerrüttungsfreie Partnerschaft mit seinem Instrument vorführt - für diese Freude gibt es keine Worte, keine Geste, keine Miene. Da gibt es nur noch Tränen.

Bassisten zum Beispiel - Kontrabassisten schon gar - sind ja ohnehin die coolsten Kapeiken der Welt. Ich habe mir in den letzten Wochen sehr viele alte Konzertmitschnitte des großen Chansonniers Georges Brassens angeschaut und dabei nahezu fortwährend gejuchzt und gegrinst. Aber immer, wenn die Kamera auf seinen treuen Gefährten Pierre Nicholas schwenkte, den Kontrabassisten im Hintergrund, dann rann mir nur so die Zähre, vollkommen unkontrollierbar. Jemanden zu sehen, der etwas richtig gut kann, aber kein Gewese darum macht, auch gar nicht darauf wartet, dass man ihn beachtet, weil ihm der Lohn, der in der Sache liegt, vollauf reicht - so jemanden zu sehen, löst eine zutiefst erfreuliche Erschütterung aus. Was gibt es nur für fabelhafte Menschen! Schluchz.

Also doch: Gutes kann gelingen. Dieser Gedanke hat starke Wirkung. Natürlich werden wir in 100 Tagen alle den Kopf schütteln über die neue Regierung und in zwei Jahren dem Kabinett der dreiundzwölfzigsten Großen Koalition beim Vereidigtwerden zuschauen. Darauf läuft’s ja immer hinaus in diesem Land. Aber immerhin darf man noch hoffen. Fällt Ihnen denn nicht auch auf, dass seit ein paar Tagen die Stimme des künftigen Klimaministers noch mehr ins Weinerliche drängt als ohnehin schon immer? Vielleicht weiß er mehr?

Mehr Tränen wagen!

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Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 26.11.2021 | 10:20 Uhr

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