Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Die Ära Merkel geht zu Ende

Stand: 09.09.2021 19:30 Uhr

Eines steht fest: Am 26. September wird Angela Merkel sich von ihrer Kanzlerschaft verabschieden. Alles andere steht in den Sternen, meint Kolumnistin Claudia Christophersen.

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Claudia Christophersen

Immer wieder neu anfangen - ein Satz, der in der Philosophiegeschichte tief verwurzelt ist, der komplex ausgedeutet und facettenreich angewendet wurde, und bis heute wird. Neu anfangen heißt, anders weitermachen als zuvor oder eben überhaupt nicht so weitermachen. Aufhören, beenden, Schluss mit dem Alten.

Deutschlands Regierung stellt sich einem solchen "Cut" alle vier Jahre mit der Bundestagswahl. Wenn Angela Merkel 16 Jahre lang als Kanzlerin im Amt war, durchaus mit wechselnden Koalitionspartnern, dann ist das eine lange Regierungsstrecke, die sie zurückgelegt hat. Merkel, die beharrlich gewählt wurde, als wäre sie alternativlos. Man darf die Vermutung wagen: Hätte sie nicht 2018 gesagt, jetzt ist Schluss, eine weitere Kandidatur kommt nicht in Frage, wäre sie womöglich wieder erfolgreich in die nächste Regierungsrunde gestartet.

Deutsche hängen magisch an Merkels Rockzipfel

Und gerade in diesen Tagen scheint es fast erstaunlich merkwürdig, wie magisch anhänglich die Deutschen an Merkels Rockzipfel hängen. Wobei die Kanzlerin in Röcken tatsächlich äußerst selten fotografiert wurde. Viel legendärer ist ihr Blazer Outfit in nahezu allen Farben, Formen, Größen. Ihre bunten Jacken verhalfen Merkel zu einer praktisch sitzenden Vielfalt, garnierten ihre Macht zu fast jedem Anlass.

Die Regierungsuhr für Angela Merkel - sie tickt. Viele letzte Male, die sie in diesen Tagen erlebt: letzte Debatten, letzte Bilanzen. Unterm Strich konnte die Kanzlerin Krisen, blieb ruhig besonnen, unaufgeregt, behielt den kühlen Kopf, wenn die Dramen der Weltgeschichte gespielt wurden. Was in ihrer Ära auf der Strecke geblieben ist, brachte Corona ans Tageslicht: Digitalisierung, Klimaschutz - alles mindestens verbesserungswürdig.

Was bleibt am Ende übrig?

Warten wir ab, was passieren wird: in zwei Wochen und zwei Tagen, wenn die politische Richtung neu justiert wird. Wird ein politischer Neuanfang gewählt? Was wird aus den ankündigungsreichen Wahlprogrammen der letzten Monate? Schnee von gestern? Denn nach der Wahl ist vor den Verhandlungen. Man wird sich neu formieren und sortieren müssen. Wer mit wem? Ampel, Jamaika, Farbenspiele mal so, mal anders kombiniert. Erinnert fast an Merkels Jackendress.

Aber mal im Ernst: werden sich die Akteure in nächtelangen, schier endlos anmutenden Sitzungen bis zur Ohnmacht blockieren, weil gepokert, gezockt wird ohne Ende?
Und was ist mit den Wählerinnen und Wählern? Werden sie sich zufrieden auf die Schenkel klopfen? Euphorisch in die Lüfte springen? Oder seufzen, jammern, nörgeln? Weil am Ende nichts übrigbleibt von dem was so heldenhaft versprochen wurde.

26. September ist der Beginn eines Wettstreites um die Macht

Der 26. September ist noch lange nicht das Ende dieser Wahl. Eher der Beginn eines Wettstreites um die Macht. Wie heißt es so schön bei Hermann Hesse: "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne". Hoffen wir, dass der Zauber nicht nur Hokuspokus ist.

 

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Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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NDR Kultur | NachGedacht | 10.09.2021 | 10:20 Uhr

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