Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Wie sich ABBA für die Unsterblichkeit einsingen

Stand: 11.11.2021 16:53 Uhr

Wie lässt sich die Zukunft in die Gegenwart transportieren? Die schwedische Popband ABBA probiert es gerade aus mit digitalen Kunstfiguren. Ob das Experiment gelingt?

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Claudia Christophersen

Frauen werden nervös, wenn sie um die 50 sind und eine Jeanshose kaufen sollen. Kein Scherz. Mit einer Studie abgesichert und zu lesen erst kürzlich in einer ernstzunehmenden Tageszeitung. Meine erste Assoziation: Thomas Bernhard, der ein Theaterstück geschrieben hat mit dem Titel: "Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen". Eine Geschichte, die davon erzählt, wie kräftezehrend es sein kann, eine Hose zu erwerben. Deshalb Peymann zu Bernhard: "Hosenkauf ist immer eine Tragödie gewesen. Ich weiß nicht, ist es fürchterlicher, Shakespeare zu probieren, oder sechs Hosen."

Nun, Claus Peymann ist ein Theatermann, der die Dinge, auch des Alltags, richtig zu inszenieren weiß. Thomas Bernhard ist ein Schriftsteller, der die Sätze mit gehöriger Portion Ironie richtig zu formen wusste. In dem Zeitungsartikel, den ich gelesen hatte, ging es nicht um einen Mann, der eine schicke, elegante Hose kauft, sondern schlicht um die Jeans für die Frau ab 50. Was ist daran bemerkenswert?

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Bei dieser Altersziffer angekommen ist nicht nur das Finden der richtigen Hose in Größe, Schnitt, Farbe, eine Herausforderung. Es geht auch nicht darum, dass sich der Körper mit zunehmender Jahreszahl vielleicht verändert, man das eine oder andere Pfund mehr auf den Hüften hat und die alteingesessene Größe nicht mehr so ohne weiteres passt. Es geht um etwas ganz Anderes, um den Erinnerungskanon, der in dieser Hose steckt. Jeanshosen wurden richtig "in" Anfang/Mitte der 70er-Jahre. Lange her, andere Epoche, anderes Lebensgefühl. Erinnern wir uns daran, kommen die Bilder vergangener Zeiten zurück. Ein ganzer Kosmos, der überwältigt, emotional erschüttert und Frauen heute offenkundig die Tränen in die Augen lockt.

Die Musik dazu, auch aus dieser Zeit, kommt von einer Popgruppe, die ebenfalls gerade in diesen Tagen viele, und nicht nur Frauen, emotionalisiert: ABBA. Gerade erst hat die schwedische Gruppe ihr neues Album "Voyage" veröffentlicht, nachdem sie über 40 Jahre pausiert hatte. 1972 gegründet, zwei Jahre später mit "Waterloo" weltweit durchgestartet. Und jetzt, einfach wieder da. Obwohl, ganz so einfach wie "Kai aus der Kiste" auch wieder nicht.

Spuren der Zeit auch bei ABBA

Ihr Comeback ist sehr gut vorbereitet. Ihre Musik klingt wie der Sound von damals. Doch auch an den vier Schweden sind die Spuren der Zeit nicht einfach vorüber gehuscht. Wenn ABBA aber im kommenden Frühjahr die große Bühne betreten, dann werden dem Publikum sogenannte Avatare begegnen. Digitale Kunstfiguren, die für immer schön, jung, beweglich, dynamisch sind, ohne Falten, Runzeln, ohne körperliche Gebrechen. Als Avatare können Agnetha, Frida, Björn und Benny hüpfen, springen, tanzen als wären sie forever young.

Den Philosophen Ernst Bloch hat die Frage immer beschäftigt: Wie sieht die Zukunft aus? Wie lässt sich Zukünftiges antizipieren? In seinem epochalen Werk "Das Prinzip Hoffnung" suchte und untersuchte Bloch den Kontrast zur fragilen Gegenwart. Er wusste um die Kraft des Tagtraumes, um die Macht des Konsums, um die Wunschlandschaften in der Malerei, der Dichtung und der Musik.

Überzeugt die Illusion oder enttäuscht sie?

ABBAs Avatare probieren den Schritt in die Zukunft, in die Utopie. Das Zukünftige ziehen sie in die Gegenwart und machen den Alltag im Jetzt für ihre Fans ein Stück weit schöner und erträglicher. Doch ein Zweifel bleibt. Wenn sich im kommenden Jahr die Welt des Avatar-Spektakels öffnet: Überzeugt die Illusion dann oder führt die virtuelle Realität zur Enttäuschung?

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NDR Kultur | NachGedacht | 12.11.2021 | 10:20 Uhr

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