Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Meinungsschwäche - die neue Pandemie?

Stand: 18.06.2021 07:30 Uhr

Die Corona-Lage in Deutschland entspannt sich - wenigstens vorläufig. Unterdessen wittert Kolumnist Ulrich Kühn schon eine neue Pandemie. Meinungsstark wie immer - oder?

von Ulrich Kühn

Alpha, Beta, Gamma, Delta. Haben Sie auch den Überblick verloren bei all den Virus-Varianten? Sie sind nicht allein. In Hamburg hatten am Mittwochabend ein paar Millionen Menschen beschlossen, den Viruskram komplett zu vergessen.

Ich habe es selbst gesehen, als ich, vom Hauptbahnhof kommend, mein Köfferchen durch die berühmte Straße Lange Reihe zerrte, wo Menschen zu Milliarden in Straßenkneipen hockten, als gäb's keine Viren auf der Welt. Etwas weiter, unter einer Brücke, glühten die Billionen vor Glück und Wein. Ich übertreibe nicht. Oder nur ein bisschen. Seien Sie ehrlich: Ich hätte Sie längst verloren, würde ich nur erzählen, was war. Darf's etwas mehr sein? Aber gern, aber ja! Wir Menschen handeln manchmal mit unseren Geschichten wie Metzger mit ihrer Wurst.

Das Wursträdchen von früher ist heute der Like

Das gilt auch für die Gedanken, die diese Geschichten begleiten. Vielleicht ist "Gedanken" das falsche Wort. Eher sind es Meinungen. Beim Metzger, früher, als die Menschen Fleischberge kauften, ohne sich um Gesundheit und Tiere zu sorgen - damals, in der nicht besseren alten Zeit, lernten die Steppkes, dass sie, wenn sie lieb lächelten, ein Wursträdchen bekamen. Je mehr Mama auf den Fleischberg packen ließ, desto sicherer gab's das Rädchen. Heute ist es anders, also fast genauso: Was damals das Wursträdchen, ist heute der Like. Das rohe Fleisch auf dem Ladentisch, ist heute die blutrote Meinung.

Womit wir beim Thema wären. Ich weiß zwar nicht genau, wie ich hergelangt bin, aber das ist mir egal. Ich hatte mir geschworen: Diese Kolumne wird nicht von vorn begonnen. Gib alles ungebremst zum Besten, das macht man jetzt so, es ist deine Meinung. Meinung braucht keine Gründe mehr, keine Orthographie, keine Schlüssigkeit; es ist deine, sie ist stark, du bist meinungsstark. Statt: "Vielleicht, ich bin mir nicht sicher" rufe: "So ist es und nicht anders, nur Idioten begreifen das nicht!" Und wenn einer widerspricht, holz' zurück. Kante zeigen, das Metzgerbeil schwingen! Extrem ist nicht genug, es muss extremer sein. Dass man "extrem" nicht steigern kann, sei dir fleischwurstegal. Du läufst doch auch nicht in der Inflation durch die Straßen und schreist, Hunderttausend-Euro-Scheine gebe es gar nicht! Hallo - es ist Inflation!

Inflationäre Meinungsstärke ist pandemische Meinungsschwäche

Genau das ist der Befund. Wir waren umflogen von Viren, wir sind infiziert von Meinungsstärke. Meinungsstärke ist inflationär. Welch ein Bild: Trilliarden Menschen auf der Langen Reihe in Hamburg, in jedem Kopf zu jedem Thema tausend frischgepresste Meinungen! Und je gedankenleichter die Meinung, desto schneller verbreitet sie sich auf dem Markt des Meinungsgeschreis.

Bin ich gegen Meinungsvielfalt? Ganz im Gegenteil! Kontroverse ist wichtig, macht Spaß und klug - frei nach George Bernard Shaw: Sei nie mit einer einzigen Meinung zufrieden. Was ich sagen will: Die inflationäre Instant-Meinungsstärke deutet in Wahrheit auf eine pandemische Meinungsschwäche hin. Wir sind zu schwach, dem Drang zu widerstehen, dauernd zu allem etwas zu meinen. Was tun? Alpha, Beta, Gamma, Delta: In der Meinungsschwäche-Pandemie müssen wir uns impfen. Unser Meinungsimmunsystem ist gefragt.

Aber stopp, da ist ja noch etwas, frisch hereingeschneit in der Hitze: Laut einer neuen Allensbach-Umfrage haben immer mehr Deutsche das Gefühl, sie könnten ihre politische Meinung nicht frei äußern. 45 Prozent sagen, sie können, 44 Prozent haben nicht dieses Gefühl. So viele wie nie, seit 1953 diese Umfragen begannen. Selbst 46 Prozent der SPD-Parteianhänger fühlen sich unter Meinungsdruck und 31 Prozent derer, die es mit den Grünen halten.

Kann es sein, dass die Wirklichkeit voller Widersprüche steckt? Geht's zu wie beim Metzger und bei bedrängten Seelen zugleich? Zwei Meinungen wohnen, ach, in meiner Brust! Aber das macht nichts. Eine Kolumne sollte Fragen offenlassen. Meiner Meinung nach.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 18.06.2021 | 10:20 Uhr

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