Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Lockerungsbeschlussorgien aus Lampenperspektive

Stand: 04.03.2021 17:36 Uhr

Zu lachen gibt es zurzeit wenig. Aber warum eigentlich? Könnte es nicht die Gesichtsmuskeln lockern, mal die Perspektive zu wechseln? Ulrich Kühn hat es immerhin versucht.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Ulrich Kühn

Die Welt ist so ein ernsthaftes Ding! Sie fordert den ganzen Menschen, derzeit noch intensiver als sonst. Allein, wie sich alles jetzt lockert und dehnt! Man muss sich hart konzentrieren, um noch folgen zu können. Da sind diese verblüffenden Lockerungsbeschlussorgien des Spaßzirkels, in dem der Lieblings-Söder dem Lieblings-Vizekanzler ins Gesicht schleudert, er möge mal nicht so "schlumpfig grinsen".

Da sind die kreisenden Zahlen: 35, 50, 100, das schwirrt so irr durchs Aerosol, dass man schon ganz dumpfsinnig wird. Und dann erst diese öffentlich bekundeten Schamgefühle der SPD-Spitze! Und zwar deshalb, weil ein höchst verdienter, schon etwas älterer Herr namens Wolfgang Thierse es tatsächlich gewagt hat, Skepsis zu bekunden angesichts seiner Meinung nach nicht den allgemeinsten Gemeinsinn fördernder Dehnübungen - nämlich Dehnübungen seiner SPD-Vorderen in Richtung dessen, was er "Identitätspolitik“"nennt. Was, das war jetzt ein viel zu komplizierter Satz? Sie werden doch nicht von mir verlangen, diesen ganzen gelockert-gedehnten Krampf in klares Deutsch zu übertragen! Das sollen mal schön diejenigen tun, die uns das alles kredenzen. Ist ja unverständlich genug.

An die Decke gehen

Ach, wie schön wäre es in einer so blödsinnig ernsthaften Lage, mal einfach nur albern zu sein - und die Welt aus der Perspektive einer Deckenlampe zu betrachten. Tja. Warum eigentlich nicht? Also, die Deckenlampe. Hängt in lichter Höhe von 2,50 bis 3,60 Metern, leuchtet vor sich hin, bedeckt vom Staub der Jahre. Wir wissen nicht, was sie denkt. Aber wenn wir jetzt ganz leise sind, wenn wir so langsam und ruhig atmen, dass man nichts mehr hört … da! Zuerst vernehmen wir das haarfeine Sirren des Stroms, der die Lampe speist. Und dann, oh Wunder - das ist ihre Stimme! Die Deckenlampe, sie spricht zu uns:

"Oh Menschlein, Menschlein, Menschlein! Wie wuselt und duselt ihr! Ich schaue mir das seit 50 Jahren an. Erst in der Kneipe, seit drei Jahren in der Wohnung. Ja, es ist hip, sich alte Kneipenlampen an die Decke zu hängen. Ach, Menschlein, ihr seid größer geworden, früher wart ihr kleiner von Wuchs. Aber mal ganz ehrlich: Geistesriesen wurdet ihr nicht. Fragt euch jemand was, wisst ihr immer Antwort: Blinkekästchen aus der Tasche, tipp, tipp, hurra! Früher habt ihr euch eure Antworten redlich zusammenfantasiert, heute wisst ihr es notorisch besser.

Früher war es lustiger

Damals, in der Kneipe, habt ihr euch Bierkrüge auf die Schädel gedeppert, jetzt schlagt ihr um euch, indem ihr ins Blinkekästchen tippt. Ehrlich, das Hauen und Stechen war früher wenigstens lustiger. Nur mal so als Eindruck von oben. Ich kann ja nur auf eure gelichteten Schädel gucken, ich sehe nicht das Hirnbrötchen, das drunter in seiner Suppe schwimmt. Was geht nur in euch vor? Vor allem in letzter Zeit! Ich bekomme kaum noch wen zu sehen. Die zwei Alleinmenschen, die in meiner Wohnung hausen - neulich sind sie mit Masken durch die Wohnung gehüpft! Weil Besuch kam. Ich kann es nicht wirklich beurteilen, aber insgesamt macht ihr mir einen komischen Eindruck. Und eins fällt mir noch auf: Dieses Getanze und Liege-Gestütze, während vom Bildschirm irgendwer zu hektischer Musik Anweisungen ins Zimmer brüllt - das soll Sport sein, oder? Ihr wirkt dabei echt irre locker und irre gedehnt. Und irgendwie auch furchterregend. Tja. Und jetzt bin ich wieder still."

Danke, Deckenlampe, danke! Da hofft man einmal auf eine andere Perspektive - und dann ist wieder nur von Lockern und Dehnen die Rede. Na schön, wir werden es noch ein Weilchen ertragen. Und wir wollen dabei nicht an die Decke gehen. Denn von dort schaut’s ja auch nicht besser aus.

Weitere Informationen
Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 05.03.2021 | 10:20 Uhr

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