Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Leben mit dem Smartphone: Der Homo Knickhalsensis

Stand: 27.05.2021 14:32 Uhr

Unser NachGedacht-Kolumnist Ulrich Kühn hätte sich fast ein bisschen verspätet. Sicher war er wieder in E-Mails oder in den Tiefen seines Smartphones versunken ?

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Ulrich Kühn

Moment, ’tschuldigung, so, jetzt bin ich da. Steckte kurz im Twitter-Gewitter fest, irre Wetterlage dort, aufbrausende Empörungswinde, örtlich Sturm bei fäkalienhaltiger Luft, überall Hinrichtungsblitze. Na, muss man durch. Aber jetzt bin ich hier und habe eine Gute-Laune-Geschichte mitgebracht. Passt gut zu dieser schicken Ära. Es ist nämlich so:

Im Zeitalter des Homo Knickhalsensis kommt das Gute von unten. Logisch, oder? Das Sprichwort sagt ja schon: Alles Gute kommt von oben. Mit anderen Worten, es kommt jetzt von unten. Das ist wirklich absolut logisch.

Frischer Faktenbrei fließt dem Homo Knickhalsensis durchs Auge ins Hirn

Der Homo Knickhalsensis, das sind wir. Wir waren nicht immer so, sind aber sehr gern so geworden. Interessant, oder, dass wir uns mit der Menschwerdung mal mehr, mal weniger schwer tun? Der Maskenmensch etwa war eine zähe Geburt. Der Knickhalsensis aber entstand wie von selbst: Bekam ein Kästchen in die Hand, knickte den Hals - und saugt seitdem Welt ein. Er ist der große Weltsäugling.

Ewig frischer Faktenbrei fließt ihm durchs Auge ins Hirn, er weiß über alles Bescheid, hat über alles ein Urteil, teilt es allen mit. Das ist das Gute! Und es kommt jetzt von unten. Sonst könnten wir wie ehedem vorwärtsgucken oder in den Himmel blinzeln. Aber das wäre dumm, wo wir es doch erkenntnismäßig inzwischen voll auf dem Kästchen haben. Wir, der Homo Knickhalsensis: der allwissende Mensch.

Mit dem Blick eines Röntgengerätes übers Seelengerippe

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ich meinem Lieblingspsychiater Dr. Brack begegnete. Es ist ein paar Wochen her. Ich fuhr nach Lübeck, wollte mir mal ein Tiefinzidenz-Gebiet anschauen, damals noch eine exotische Sache. Da saß er im Straßencafé und winkte. Mein Phone, wie immer clever und smart, zwinkerte einem QR-Code zu, und schon durfte ich bleiben.

Wahnsinn, einfach so im Straßencafé zu sitzen mit dem Lieblingspsychiater! Der Mann hat einfach was Magisches an sich. Leider kann er auch so gnadenlos beobachten, als führe einem ein Röntgengerät übers Seelengerippe. Darauf hatte ich gerade keine Lust und sprach deshalb schnell über irgendwas. Über den Knickhals-Menschen.

Ein echter Brack. Diese Arroganz!

"Dr. Brack, was glauben Sie: Warum hat sich der Homo sapiens sapiens so gerne zum Knickhalsensis weiterentwickelt?"
"Mein lieber Kühn. Ich stelle das Wort Weiterentwicklung infrage. Sprechen wir lieber von Entwicklung, genauer: von Entpuppung. Der Homo sapiens dingsbums hat sich als Knickhalsensis entpuppt. Ein untertänig vor dem Schein der Wirklichkeit den Hals knickendes emotionsgetriebenes Wesen, das alles schon weiß, bevor es nachgedacht hat. Das steckte halt tief in uns drin."

Ein echter Brack. Diese Arroganz! Schlürft lässig Espresso und spricht mit größter Selbstverständlichkeit über Dinge, die unser Leben erleichtern, als wäre es brandneues Teufelszeug. Das glaubt doch längst kein Mensch mehr. Allerdings, wie gesagt, seine magische Wirkung...

Und so fragte ich mich plötzlich: Wenn er irgendwie doch ein bisschen Recht hätte? Ich wollte wissen, und zwar sofort, was die Welt über seine Entpuppungstheorie denkt. Also sagte ich ihm hektisch adieu, neigte den Kopf und fing an zu googeln. Mir wurscht, dass einem diese Haltung des Körpers Tonnengewichte auf den Rücken schiebt und die Halswirbelsäule verschleißt. Hauptsache Haltung, oder?

Leben als aufrechter Knickhals

So ging ich also, las unterdessen - und Bracks brüllendes Gelächter begleitete mich noch um zehn Ecken. Wissen Sie was? Der psychiatrische Lach-Affe kann mir im Mondschein begegnen. Seine Entpuppungstheorie ist nämlich Bullshit, das Netz weiß gar nichts davon. Außerdem, also, ich mei ...- Hoppala, ’tschuldigung, wären wir doch fast kollidiert!

Wie, ich soll lieber vorwärtsschauen und nicht Texte ins Handy tippen? Na hören Sie mal, das wird eine Kolumne, die Welt wartet darauf! Da knicke ich meinen Hals doch nicht aufwärts und breche mir das Genick! Ich bin ein Homo Knickhalsensis aus Leidenschaft. Ich kann und will nicht anders leben. Der Brack kann doktern, wie er will - ich lebe mein Leben als aufrechter Knickhals.

Weitere Informationen
Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 28.05.2021 | 10:20 Uhr

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