Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Die strenge Stimme des Gewissens

Stand: 03.12.2021 06:54 Uhr

Während sich die neue Regierung zusammenfindet, wütet das Virus und treibt sein Unwesen mit neuem Variantenspiel. Und die Politik laviert zwischen 2G, 2G+ und 3G. Wer hier noch durchblicken will, muss auch auf seine innere Stimme hören, findet Claudia Christophersen in der Kolumne Nachgedacht.

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von Claudia Christophersen

Es ist der 15. Buchstabe im griechischen Alphabet: Omikron. Es ist das sogenannte kleine "o" - im Unterschied zum großen "Omega", das ganz am Ende steht. Ein kleiner Vokal, der bei uns allen größte Besorgnis auslöst. Christian Drosten, der sparsam ist auf dem Nachrichtenkanal Twitter, hat ein Interview gepostet, in dem er sagt: "Ich bin schon ziemlich besorgt." Wenn Christian Drosten solche Sätze verbreitet, dann ist die Lage ernst, dann nehmen wir die Lage ernst. So ist das mit Menschen, die überzeugen können und charismatisch sind. Wo nur wird die Reise hingehen mit Corona?

Rheinderby Köln: Corona straft ab, wo es nur geht

Noch am vergangenen Sonnabend waren beim Rheinderby Köln gegen Mönchengladbach 50.000 Fußballfans im Stadion zu sehen: ausgelassen, dicht gedrängt, grölend, mit offenen Mündern, ohne Maske. Was für ein Leichtsinn! Der Tanz auf dem Vulkan ist spürbar, allein beim Anschauen der Fernsehbilder.

Und Corona ist ungnädig, straft ab, wo es nur geht. Kreativ, erfindungsreich bastelt das Virus an immer neuen Varianten, die an Gefährdungspotential zunehmen, die die Inzidenzzahlen hochtreiben, die Kliniken, Ärzte- und Pflegepersonal an die Grenze ihrer Handlungsfähigkeit bringen.

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Schwierige Zeiten mit besonderen Herausforderungen

Und die Politik? Wo ist die Courage entschlossener Menschen, die klare und mutige Entscheidungen fällen? Wo ist die Ampeltruppe, die sich ebenfalls erst kürzlich nach ihren abgeschlossenen Verhandlungen in einer Reihe aufgestellt und präsentiert hat, als wäre sie gerade für einen Westernfilm gecastet worden. "Mehr Fortschritt wagen!" ist das Motto der Koalitionäre. Ein Imperativ, der nach klarer Handlungsstrategie klingt. Aber wo genau ist sie?

Es ist ein diffuser Schwebezustand, der natürlich auch damit zu tun hat, dass sich alles gerade zwischen Ende und Neuanfang bewegt. Schwierige Zeiten mit besonderen Herausforderungen: Die alte Regierung, noch geschäftsführend im Amt, ist mit Verabschiedungen beschäftigt, mit Zapfenstreich, "roten Rosen" und Gottvertrauen. Die künftige Regierung hält sich auf mit komplizierten Personalentscheidungen.

Olaf Scholz reflektiert seine eigene Rolle

Immerhin schaffte es Olaf Scholz in diesen Tagen seine eigene Rolle zu reflektieren. Gerne gebraucht er dafür kurze, einprägsame Statements: "Die Führung ist da." Soll heißen: Olaf Scholz ist bereit, kann, wenn er nur soll und will. Und offenbar will er impfen und im Bundestag für eine allgemeine Impflicht stimmen. Eine freie Gewissensentscheidung soll es geben, ohne Fraktionszwang. Unter Hochdruck soll geimpft werden. 30 Millionen Impfungen bis Weihnachten. Auch wenn nach den neuesten Beschlüssen Zahnärzte, Apotheker und Pflegefachkräfte mitimpfen dürfen - Heiligabend ist in drei Wochen. Also: ein sportliches Vorhaben.

Die Krise ist akut, auch Olaf Scholz will da raus, ohne eine Spaltung in der Gesellschaft, Geimpfte gegen Nichtgeimpfte, weiter zu verstärken.

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Das eigene Gewissen - und der Bundestag soll es vormachen - ist gefragt. Immanuel Kant sah im Gewissen den "inneren Gerichtshof im Menschen". Dieser Stimme des Gewissens, die vernünftige Begründungen fordert, kann niemand entgehen. Sie setzt ihre eigenen Pflichten.

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Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 03.12.2021 | 10:20 Uhr

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