Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann

Hirnlose Problemlösung

Stand: 23.04.2021 10:20 Uhr

Unser Kolumnist denkt über die politischen Verwicklungen der letzten Zeit nach. Vielleicht sollte er es besser lassen.

von Alexander Solloch

"Heute habe ich eigentlich gar nichts gemacht", heißt es in einem der vielen schönen Lieder von Funny van Dannen. Gar nichts gemacht, das ist gut. Das Unheil (und davon wird im Weiteren erzählt, sonst hätte ja kein Lied daraus gemacht werden müssen) beginnt aber schon beim Adverb "eigentlich". Das Nichtstun verträgt keine Einschränkung. Man kann das von den Großen dieses Fachs lernen.

Manchmal fragte man sich ja durchaus in den vergangenen Tagen, wie sich das Armin Laschet denn wohl alles in allem vorgestellt haben mag. Wie gedachte er denn aus sich heraus die Frage zu beantworten, deren Existenz ihm (eigentlich) kein Mysterium zu sein brauchte? Die Menschen sind eben so, sie wollen wissen, für welche Sorte Bundeskanzlerin oder Bundeskanzler sie sich entscheiden, falls sie eine bestimmte Partei wählen, zumal wenn es sich dabei um eine solche handelt, die im Laufe der Jahrzehnte dieses Amt schon ein- bis zweimal mit einem oder einer der ihren beschickt hat. Da ist dieser Drang nach Wissen in den Menschen, diese Neugier, die kaum gestillt werden kann, oder wenn, dann mit Information. Das konnte Armin Laschet doch ahnen!  

Laschet und Söder und die Kanzlerkandidatur

Warum bloß ist er so untätig gewesen in den letzten drei Monaten? Was hat er sich denn gedacht, als ihn seine Partei im Januar zu ihrem Vorsitzenden wählte? Wieso hat er nicht diesen Moment dafür genutzt zu erklären, selbstverständlich begründe diese Wahl auch seinen Anspruch auf die Kanzlerkandidatur? Das wäre doch nicht die spektakulärste aller Äußerungen gewesen! Wie wäre er denn nun weiter vorgegangen, wenn Markus Söder nicht am Sonntag vor zwei Wochen die Nerven verloren und stattdessen seine schäumende Vaterlandsverantwortungsbereitschaft noch eine Zeit lang für sich behalten hätte? Bestand Laschets Plan darin, niemals seine Kanzlerkandidatur zu erklären oder vielleicht ungefähr erst am 25. September?

Schlauer wird man wohl nicht, wenn man solche Fragen stellt, denen - ohne Aufpreis - der Vorwurf gleich beigefügt ist. Mehr Erkenntnis verspricht der Blick aufs Ergebnis. "Entscheidend ist", philosophierte einst Helmut Kohl, "was hinten rauskommt". Aus der Union ist - "after all", wie der Engländer sagt - die Kanzlerkandidatur für Laschet rausgekommen, und die stinkt nicht.

Erstaunliche Nebenwirkungen des Polit-Theaters

Man soll auch die erstaunlichen Nebenwirkungen dieses Theaters nicht gering veranschlagen: Während Söder sich von der breiten Zustimmung der Weltbevölkerung rühren ließ und Laschet einfach gar nichts näher Erkennbares tat, hatten sie und all jene, die zu diesem neuntägigen Spektakel ihren Beitrag leisteten, erfreulicherweise kaum Zeit, sich neue "Maßnahmen" auszudenken.

Dass alle Kinder, die nachts ruhen wollen, vorm Einschlafen und dann noch einmal nach der ersten Tiefschlafphase einen Schnelltest absolvieren müssen, um die Gefährdung ihrer Kuscheltiere zu minimieren, ist darum einstweilen noch nicht beschlossen, und das ist ja auch mal ganz schön.

Im Nichtstun liegt eine besondere Kraft

Im Nichtstun liegt eine Kraft, die sich nicht beobachten, nur konstatieren lässt. Pilze zum Beispiel sind in der Lage, durch ihr einfaches Dasein und Sosein komplizierte Beziehungsgeflechte zu bilden, das Handeln anderer Lebewesen zu manipulieren und sich so neue Nahrungsquellen zu erschließen. Der britische Biologe Merlin Sheldrake nennt dieses Verhalten voller Bewunderung "brainless problem-solving".

Armin Laschet ist, wie es scheint, ein Meister der, ja ... wie übersetzt man das? Ein Meister der hirnlosen Problemlösung, genau. Ob ihn das fürs Amt des Bundeskanzlers befähigt, darüber können wir jetzt ja immerhin noch fünf Monate nachdenken. Aber nicht zu sehr! Funny van Dannen muss in seinem Lied nämlich einräumen, dass er eigentlich doch etwas gemacht hat: Er hat nachgedacht! Hier fängt das Schlimme an.

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Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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NDR Kultur | NachGedacht | 23.04.2021 | 10:20 Uhr

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