Stand: 20.08.2020 18:18 Uhr

Literaturarchiv Marbach: Aufbruch in neue Zeiten

von Claudia Christophersen

Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach ringt zurzeit mit seiner Chefin. Sie will vieles umkrempeln, neu und anders machen. Dabei stößt sie bei ihren Mitarbeitern nicht unbedingt auf Gegenliebe. Marbach - eine ehrwürdige Institution - was ist los auf Schillers Höhe? Fragt sich Claudia Christophersen.

Manchmal sind es kleine Meldungen, in denen der Stoff für ganze Geschichten steckt. Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach hat kürzlich eine weitere Schenkung erhalten. Manuskripte, Briefe aus dem Nachlass des Philosophen und Psychiaters Karl Jaspers. Nicht genug. Auch Zeichnungen, Aquarelle seines Vaters Karl Wilhelm Jaspers kommen dazu. Und, das ist ebenfalls interessant, ein Möbelstück: ein Lesepult, seinerzeit eigens für Jaspers angefertigt.

Wie mag er an diesem Lesepult gelesen, gedacht, geschrieben haben? Ob dort seine Bücher, Texte, Vorlesungen entstanden sind? Schriften wie "Die geistige Situation der Zeit", "Die Schuldfrage", "Der philosophische Glaube". Hat er an diesem Pult seine vielen Briefe geschrieben, auch an Hannah Arendt, seine wohl prominenteste Schülerin?

Tiefe Einblicke in Seelenzusammenhänge

Arendt und Jaspers mochten sich. "Wo Jaspers hinkommt und spricht, da wird es hell", sagte sie einmal. Die Briefe, die sich die beiden schrieben von 1926 bis 1969 sind ergreifend, eröffnen tiefe Einblicke in Seelenzusammenhänge, kritische Debatten, freie Meinungen über das politische Weltgeschehen, durchaus kontrovers, durchaus emotional, durchaus aufgeregt. Briefe, die im Original größtenteils im Marbacher Depot liegen, in ideal temperierten Magazinschränken, gesammelt, sortiert, archiviert.

Zoff auf dem Olymp der deutschsprachigen Literatur

Jaspers Lesepult, ein museales Objekt des Denkens und Schreibens, die neue Errungenschaft in Marbach, gehört zu den wenigen guten Nachrichten momentan, die von dort gerade verkündet werden. In dem sonst eher beschaulichen, ruhigen, gediegenen, verwunschenen Literaturtempel, das berichten die Feuilletons, herrscht seit Wochen mächtig Zoff, es wird getobt, gestritten - ja, es fliegen die Fetzen. "Vergiftetes Paradies" titelte "Der Spiegel". Worum geht es? Es geht um das allzu Menschliche: um Macht, um Recht, um Eigensinn, um gut eingespielte Gewohnheiten, Traditionen, von denen man sich nur ungern trennt. Es geht um Angst vor dem Neuen, vor dem Verlust von Altbekanntem. Und am Ende dreht es sich natürlich auch um Geld.

Literaturarchiv fit machen für die Zukunft

Vor 65 Jahren, im Sommer 1955, wurde das Deutsche Literaturarchiv in Schillers Geburtsort Marbach gegründet. Archiv, Museum, Bibliothek residieren bis heute auf der schwäbischen Schillerhöhe oberhalb des Neckars. Der Olymp der deutschsprachigen Literatur: unangefochten, erhaben, abgeschieden von der Welt da unten.

Die deutsche Literaturwelt verlief hier in ihren angestammten, geregelten Bahnen, von Herren an der Spitze geleitet, seit Jahren, Jahrzehnten. Bis sie kam, die Neue: Sandra Richter, Mittvierzigerin, Germanistik-Professorin mit entschlossenem Auftreten und jetzt, seit 2019, erste Direktorin des DLA. Jung, modern, mobil, pendelt sie zwischen Marbach, Frankfurt und Berlin, hat jede Menge um die Ohren. Sie soll Marbach fit machen für die Zukunft.

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Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Den Unternehmens-Geist nicht unterschätzen

Richter denkt groß, braucht viel Platz für das Neue. Marbach und die Literatur sollen noch stärker als bislang ins Schaufenster gestellt, Video- und Computerspiele sammlungstauglich gemacht, neue Medien eingebunden werden. Eigentlich doch richtig, sinnvoll und gut. Für solche Pläne, den endgültigen Aufbruch in die digitale Zukunft, braucht es Ideen und Geld. Beides hat Richter, akquiriert sie, bekommt sie von Politikern, allein das ist eine nicht zu unterschätzende Fähigkeit und Leistung. Aber vielleicht ist das eben auch nicht genug.

Eine Direktorin kann imposante Pläne und Wünsche haben, aber nicht allein umsetzen. Auch Sandra Richter ist angewiesen auf Menschen, Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den Weg mitgehen. Für viele wirkt Sandra Richter - auch das ist zu lesen - zu frostig, zu emsig, zu wirbelig, zu durchkalkuliert. Wer ein Unternehmen umkrempeln, den Change durchsetzen will, muss sein Team mitziehen und begeistern können und darf den Geist, der in ihm atmet, nicht unterschätzen.

Was hätte Karl Jaspers an seinem Lesepult wohl dazu gesagt? Einem Wandlungsprozess hätte er sich bestimmt nicht verweigert. Aber er hätte auch Luft gebraucht für die Zwischentöne, für das, was schwebend im Nicht-Fassbaren liegt. Heißt: das Neue in Angriff nehmen, mit Verstand, Herzenswärme und vor allem auch Zeit für Reflexion.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 21.08.2020 | 10:20 Uhr

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