Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

"Fehler und Verzeihung": Corona frei nach Jane Austen

Stand: 26.03.2021 08:03 Uhr

Eine Kanzlerin, die sich nach dem Hickhack um die Osterruhe für einen Fehler entschuldigt: Diese Corona-Woche hielt Überraschendes für uns alle bereit. Wie so oft im Leben hilft die Lektüre von Jane Austen, findet Kolumnistin Stephanie Pieper.

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann
Beitrag anhören 4 Min

von Stephanie Pieper

Lesen gehöre für sie zum Lebenselixier, dies verriet Angela Merkel einmal, in einer Zeit lange vor Corona: Wilhelm Busch, Erich Kästner und russische Romane habe sie studiert. Zu selten, bedauerte die Kanzlerin damals, die Klassiker: Goethe, Schiller, Shakespeare. Ob ihr am kommenden Nun-doch-nicht-mehr-Ruhe-Gründonnerstag eher nach Tragödien oder Komödien als Lesestoff ist, nachdem sie ihr Tagwerk vollbracht hat, mag sie selbst beurteilen. Diese verrückte Woche böte jedenfalls reichlich Stoff für einen politischen Schlüsselroman, und stammte er aus der spitzen Feder von Jane Austen, trüge er wohl den Titel: "Fehler und Verzeihung" - in Anlehnung an ihre bekanntesten Werke: "Stolz und Vorurteil" und "Verstand und Gefühl".

Ein Jahr Corona: zwischen Verstand und Gefühl

Ach ja, zwischen Verstand und Gefühl schwanken viele von uns mutmaßlich dieser Tage, nach mehr als einem Jahr des Lebens mit Corona: Der Verstand sagt uns, dass wir in der dritten Corona-Welle stecken, dass die Inzidenzwerte republikweit steigen, dass ein wieder verschärfter Lockdown deshalb das Mittel der Wahl ist, dass es im Grunde nicht fünf "Wir bleiben zuhause"-Tage bräuchte, sondern fünf Wochen. Doch das Gefühl sagt uns, dass der Frühling lockt und ruft, dass unser Vertrauen in die Weisheit der Politik endlich ist, dass der ersehnte Freiheits-Pieks bitte endlich auch unseren Oberarm treffen möge, dass wir raus wollen, reisen wollen, unsere Liebsten treffen und umarmen wollen. Wir alle tragen vielleicht Züge der beiden Austen-Heldinnen, der Schwestern Elinor und Marianne Dashwood, in uns: die eine reif und bedacht und lebensklug, die andere jung und impulsive und ungestüm.

Deutschland, auf dem Weg zu einem "failed state"?

Aber auch zwischen Stolz und Vorurteil schwanken wir: Wie stolz waren wir noch im vergangenen Sommer darauf, die erste Corona-Welle vergleichsweise gut überstanden zu haben - und wie vorurteilsbehaftet gegenüber staatlichem Handeln begegnen wir den politisch Verantwortlichen dagegen heute. Deutschland, auf dem Weg zu einem "failed state"? In manchen düster-dystopischen Kommentaren, die überall deutsches Scheitern ausmachen, liest es sich dieser Tage so. Am Ende der Austen-Geschichte begreifen die Hauptfiguren Elizabeth Bennett und Mr. Darcy - beide stur, beide störrisch -, dass sie ohne einander nicht existieren können. Gleiches gilt für Merkel und die Riege der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten, die auch künftig zur Kooperation verdammt sind – ob es ihnen gefällt oder nicht.

Verlorengegangenes Vertrauen zurückgewinnen

Ein Roman der scharf beobachtenden Jane Austen über dieses Jahr 2021, bekanntlich ein Superwahljahr, könnte jedoch bisher leider überschrieben sein mit: "Vertrauen und Verlust". Dabei braucht es jetzt nichts dringender als konsistente Entscheidungen und eine nachvollziehbare politische Kommunikation, um verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Zugegeben: Leicht gesagt, schwer getan - wenn die Nerven blank liegen, wenn auch Regierungschefinnen und -chefs erschöpft und ratlos sind, wenn die Umfragewerte fallen. Dennoch der Appell: Raufen Sie sich zusammen, liebe Gewählte in Bund und Ländern, zum Wohle des Landes und seiner Menschen, um Schaden von diesen abzuwenden.

Jane Austen lesen und den Lockdown überstehen

Eine schwache Kanzlerin, eine starke Kanzlerin haben wir diese Woche erlebt. Wenn Angela Merkel eines kann, dann ist es Krise - so hieß es lange. Vorbei und vergessen. Aber welche Politikerin, welcher Politiker hat schon die Größe, sich vor der ganzen Nation zu entschuldigen, einen Fehler einzugestehen, um Verzeihung zu bitten? Einem Donald Trump wären die Worte "sorry" oder "mistake" niemals über die Lippen gekommen. Und auch den meisten von uns dürfte dies schon im privaten, geschweige denn im beruflichen Umfeld schwer fallen. Meist fühlen wir uns doch irgendwie im Recht und zu Unrecht kritisiert oder gar beschuldigt. Und überhaupt: Tragen nicht die anderen mindestens genau so viel Verantwortung für die verkorkste Lage? Ob Merkel ihrem politischen Vermächtnis und ihrer strauchelnden Union einen Dienst damit erwiesen hat, dass sie alle Schuld am jüngsten Corona-Entscheidungsdebakel auf sich nimmt: Spätestens am 26. September, bei der Bundestagswahl, wird es sich zeigen. Bis dahin hilft, um den Lockdown zu überstehen: Jane Austen lesen.

Weitere Informationen
Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 26.03.2021 | 10:20 Uhr

NDR Kultur Livestream

ARD Nachtkonzert

00:00 - 06:00 Uhr
Live hörenTitelliste