Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Ein grundgescheiter Brücken-Mann

Stand: 08.04.2021 19:15 Uhr

Die NachGedacht-Kolumne bekommt Konkurrenz: Ein Ministerpräsident hat überraschend zum Denken abgehoben. Und ist bei einer Brücke gelandet. Was da genau geschah? Ulrich Kühn:

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von Ulrich Kühn

Es geht voran in Deutschland. Wenn es schon keine Ruhetage gibt, dann wenigstens Brückentage! In diesem Sinn, irgendwie, müssen sich die Gedanken im Hirn des Herrn geordnet haben, der vor der Nation ein Gelöbnis getan hatte: Er wollte über Ostern was Neues ausprobieren, er wollte mal richtig nachdenken. Und so kam es, dass ein "schöner, grundgescheiter und gerade richtig dicker Mann in den besten Jahren" seinen nagelneuen Hirn-Propeller anschmiss und sich in die Lüfte des souveränen Denkens emporschraubte. Für NachGedacht-Kolumnisten ein interessanter Fall - immerhin sind wir vom Fach.

Ein milde verzweifelter Armin Laschet

Sie fragen sich natürlich: Wer ist dieser "schöne, grundgescheite, gerade richtig dicke Mann in den besten Jahren"? Verflucht, ich habe was verwechselt, das passiert schon mal beim Denken. In Wahrheit geht es nicht um Karlsson vom Dach, den kleinen Frechdachs, der sich selbst so beschrieb: als "schönen, grundgescheiten, gerade richtig dicken Mann in den besten Jahren". Karlsson aber trug den Propeller auf dem Rücken. Wir reden hier von dem Mann, in dessen Stammbaum Karl der Große west, von Karlchen dem Großen mit Amtssitz am Rhein, in der Nähe der sechsspurigen Rheinkniebrücke. Wer hier den Hirn-Propeller anschmeißt, um denken zu üben, landet naturgemäß auf der Brücke. Oder knapp daneben. Ja, und genau das ist Armin Laschet passiert. Und sofort wussten alle wieder nicht, wo anfangen mit dem Fragen und Ärgern und Stirnrunzeln und Spotten.

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Da war also einer milde verzweifelt. Ein bisschen deshalb, weil diese verflixte Corona-Lage, die den Weg ins Kanzleramt so beschwerlich macht, einfach nicht besser werden will. Und dann auch, weil dieser fränkische Wegelagerer vom Team Vor-, Um- und Rücksicht jeden Hinterhalt längs des Rheines nutzt, um unserem grundgescheiten Mister Sie-Wissen-Schon aufzulauern. Puff, mit dem Prügel eins auf den Kopf, schon ist man so klein ohne Hut. Und da hat dieser milde Verzweifelte nun plötzlich einen Gedanken gefühlt: Wie herrlich wäre es, eine Brücke zu haben! Das Elend zurückzulassen! In der Sänfte ins Kanzleramt zu schweben wie einst die Scaligeri in Verona auf ihren Brücken über die Etsch! Ach nein, das hat er nicht gedacht, als werdender Kanzler denkt man nur Gegenwärtiges. Wenn auch nicht Geistesgegenwärtiges. Aber ich schweife ab.

Eine Brücke über die Abgründe der Widersprüchlichkeiten

Also, rettende Brücke. Sie soll ins Kanzleramt führen, über die Abgründe der Widersprüchlichkeiten, die man sich selbst geschaufelt hat und in denen man verzweifelt herumwühlt, ob bei Markus Lanz oder im Landtag in Düsseldorf. Der Landesvater, der als Lehrbeauftragter mal richtig kreativ war, als irgendwer, man weiß nicht wer, 28 Klausuren seines Kurses verschusselt hatte und er schnell 35 Zensuren "ohne Prüfungsteilnahme" zusammenschusterte - dieser Mensch, der im Kanzleramt zum Glück keine Klausuren bewerten muss, hatte zum "Lockdown light" am 28. Oktober verkündet, er könne den Bürgerinnen und Bürgern versprechen: "Diese Maßnahmen sind befristet. Sie gelten bis zum 30. November. Wir brauchen danach nicht zu diskutieren: Was machen wir auf oder was schließen wir." Na ja, ein bisschen Diskussion gab’s dann doch, ein bisschen mehr Schließung auch. Egal, das war Lockdown light, jetzt brauchen wir Brücken-Lockdown! Ich stelle mir, wenn ich das Wort höre, eine Zugbrücke vor, die rasselnd hochgeht, kaum, dass König Armin ins Kanzleramt eingerückt ist. Und wenn er erst dort ist, mitsamt seinen Laumännern: Ja, hallo, wer dächte da wohl an diese Kommando-Brücken, auf denen verzweifelte Kapitäne plötzlich begreifen, dass sie ihre Titanic direkt auf den Eisberg zurasen ließen? Wir doch nicht! Nicht, wenn wir an diesen grundgescheiten Mann in seinen besten Jahren denken. Denn das wäre wirklich gemein. Dieser Mann will doch nur sein Bestes.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 09.04.2021 | 10:20 Uhr

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