Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

Frauen in der Politik: "Sofagate" und die Grenzen der Höflichkeit

Stand: 15.04.2021 17:33 Uhr

Wenn auf der großen Bühne der Weltpolitik etwas passiert, das uns die Sprache verschlägt, kann das verwundern und verärgern. Sollte doch die Politik immer auch ein gewisses Vorbild sein. Eine Kolumne von Claudia Christophersen.

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Claudia Christophersen

Es war in der letzten Woche. Der türkische Präsident Erdogan hatte die EU-Spitze nach Ankara eingeladen. Also flogen EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident Charles Michel in die Türkei. Die Delegation wurde in die Innenräume des Präsidentschaftspalastes gebeten, und es passierte, was inzwischen als "Sofagate" zum geflügelten Wort geworden ist. Zwei Flaggen: die der EU, die der Türkei. Davor zwei Sessel mit Ablagetischen und Mikrofonen.

Zielgerichtet steuerte Erdogan darauf zu, Charles Michel ebenfalls und die "Reise nach Jerusalem" war zu Ende, die Stühle besetzt. Die Männer hatten ihren Platz gefunden, die Frau blieb stehen, verdutzt, düpiert. Der sonst redegewandten Kommissionschefin verschlug es mit einem "Ähm" hörbar die Sprache. Ihr, die sie quasi die politische Vorzeigeperson für kontrollierte Emotionen und stilsichere Contenance ist.

Hintergründe und Zusammenhänge lassen sich nicht rekonstruieren

Die von körperlicher Statur eher zierliche und kleine Ursula von der Leyen durfte sich setzen auf ein mehrere Meter entferntes, großes Sofa, der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu ihr gegenüber. Sofagate eben. Die Szene wurde gefilmt, fotografiert und um die Welt gejagt. Über zehn Tage ist das Ganze jetzt her, es wurde darüber berichtet, es wurde gedeutet und analysiert.

Welche Sprache spricht die Sitzanordnung, vor allem das Fehlen eines dritten Sessels? Soll hier gesagt werden, dass die Türkei mangelnde Wertschätzung gegenüber der EU demonstriert? Passt nicht ganz, denn Charles Michel saß gleichberechtigt neben Erdogan. Also: gezielte Missachtung, direkt adressiert an Ursula von der Leyen? Möglich. Ebenso aber auch möglich, dass gar nicht Erdogan dieses Missgeschick allein inszeniert hat, sondern ein Mitspieler aus der EU kommt. Offenbar wurden Details des Besuches mit dem Protokolldienst des ranghöheren Charles Michel abgesprochen, von der Leyen wurde schon zu diesem Zeitpunkt außen vor gelassen. Nun gut - die Hintergründe, Zusammenhänge lassen sich an dieser Stelle nicht rekonstruieren.

Ein verheerender Eindruck bleibt

Was aber bleibt, ist ein verheerender Eindruck: Ursula von der Leyen wurde im wahrsten Sinne des Wortes herabgesetzt und bloßgestellt. Die männlichen Akteure: machtgesteuert, keiner von ihnen hat im Moment des Momentes interveniert und mit höflicher Geste der Dame den Vortritt gelassen oder einfach nur stehend gewartet, bis ein dritter Sessel in den Raum geschafft worden wäre. James Bond, Gentleman jeder Situation, hätte das selbstverständlich gemacht, wohl auch Emmanuel Macron.

Frauen in Führungspositionen, Frauen in Ämtern, die ihnen Gestaltungsraum und Macht ermöglichen, haben es bis heute, 2021, nicht leicht. Frauen in der Politik müssen mit harten Bandagen kämpfen. Sie müssen sich Dinge gefallen lassen, die ohne Worte sind.

Gute Miene zum bösen Spiel

Angela Merkel hat sich 16 Jahre lang als Bundeskanzlerin den vielen politischen Schaukämpfen ausgesetzt. Wir erinnern uns: ein Frühstück mit Edmund Stoiber in Wolfratshausen, lange her. Da wurde 2002 scharfgezogen, wer von beiden ins Rennen für die Kanzlerkandidatur geht. Nicht die Frau, damals nicht. Und Stoiber verlor dann die Wahl gegen Gerhard Schröder.

Weniger lange her ist der CSU-Parteitag vom November 2015. Der große Horst Seehofer steht auf der Bühne und spricht. Angela Merkel neben ihm muss, ohne Möglichkeit zur Reaktion, seine gegen sie gerichteten Positionierungen dreizehn Minuten lang anhören. Der CSU-Vorsitzende Seehofer war sauer auf Merkels Flüchtlingspolitik und wollte zeigen, wer eigentlich das Sagen hat. Andere Szene: 2007. Merkel in Sotschi zu Besuch bei Putin. Der russische Präsident wusste: Merkel hat Angst vor Hunden. Also garnierte er das Treffen mit einer Schnüffelattacke seines schwarzen Labradors. Die Kanzlerin übersteht die Szene, macht gute Miene zum bösen Spiel.

Meterdicke Haut der Kanzlerin

Mit ostentativer Gelassenheit und stoischer Regierungsruhe nimmt Merkel die momentanen Machtkämpfe in der Union zwischen Söder und Laschet zur Kenntnis. Ihre Haut ist in den Jahren der Kanzlerschaft meterdick geworden. Und Ursula von der Leyen? Sie hat sich inzwischen auch beruhigt und emotional sortiert. Was sollte sie anderes tun? Das vielbeschworene "Learning" aus der Geschichte könnte heißen: Für den nächsten Besuch vorbereitet sein auf alle Eventualitäten und Faltstuhl in die Handtasche packen. Man weiß ja nie.

 

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Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 16.04.2021 | 10:20 Uhr

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