Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Die Deutschen, in der Seele gekränkt

Stand: 04.02.2021 16:39 Uhr

Die Deutschen machen eine interessante Erfahrung. Es läuft nicht richtig rund. Das hat einen ernsten Hintergrund. Ulrich Kühn sucht in seiner Kolumne Rat - und muss am Ende sogar lachen.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Ulrich Kühn

Die Deutschen sind mal wieder in der Seele gekränkt. Und womit befassen sich die Deutschen am liebsten, wenn sie in der Seele gekränkt sind? Natürlich, mit den Deutschen. Sie sind dann mit Eifer bei der Sache. Deutschen geht es um die Sache, das ist weltbekannt. Und ein bisschen geht es ihnen auch darum, dass sie die Sachen besser können als andere. Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Deutschen fühlen sich am wohlsten, wenn sie die Besten sind.

Das ist jetzt gerade blöd. Im Vollgefühl des Stolzes, Pandemieweltmeister zu sein, übten sich die Deutschen monatelang in Mitleid und der stillen Lust, anderen sagen zu können, wie es besser geht. Das haut aktuell nicht so hin. Zusammenfassend lässt sich sagen: Gerade waren die Deutschen noch FC Bayern, jetzt sind sie eher Schalke 04. Die Wochenzeitung DIE ZEIT, das Seelenselbsterforschungsinstitut der erleuchteten Bildungsschichten, titelt schon ahnungsvoll: "Plötzlich Versager?" Neben diese markerschütternde Frage druckt das Blatt einen in den bundesdeutschen Farben gezwirbelten Garnfaden, der noch so eben durch ein letztes rotes Zipfelchen daran gehindert wird, entzweizureißen.

Pandemie-Weltmeister ade?

Wann, wenn nicht jetzt, wäre ein guter Psychiater gefragt? Glücklicherweise, Sie als Mitdenkende wissen das, wohnt im schönen Lübeck mein Lieblingspsychiater Dr. Brack. Also Handy raus und die vertraute Nummer getippt. Ja, die ganze Nummer. Wenn man sich nicht mal mehr Telefonnummern merkt, verrottet man vollends im Hirn, oder?

"Sieh da, der Herr Kühn. Sie haben sich Zeit gelassen."
"Dr. Brack, wie gut, Ihre Stimme zu hören!"
"Kann ich mir denken, Kühn. Aber glauben Sie bloß nicht, der reine Klang meiner Stimme werde sie erretten aus Ihrer Verlorenheit."
"Nicht Verlorenheit. Eher Ratlosigkeit."
"Gottchen, Kühn, kommen Sie keinen Schritt weiter? Ratlos kenne ich Sie von der ersten Stunde an."

Psychiater Dr. Brack weiß (nicht) immer Rat

Ich musste mich zusammennehmen. Die nölige Arroganz, mit der einen dieser Kerl begrüßt, stößt einem schon sauer auf. Ich ließ mir nichts anmerken und sagte:

"Mag sein, dass ich immer schon ratlos wirke. Aber Sie werden mir helfen, sonst hätten Sie Ihren Beruf verfehlt. Meine Ratlosigkeit ist ja nie dieselbe, sie ist immer neu. Gerade kreist sie um die Frage: Warum wollen die Deutschen die Besten sein, sogar in einer Pandemie?"
"Im Ernst, Kühn: Meinen Sie das wirklich ernst?"
"Na ja, Dr. Brack, fast. Wir sind hier in einer Kolumne."
"In die Sie mich vor Jahren reingezerrt haben, ohne mich zu fragen, ob ich überhaupt wollte. Aber lassen wir das. Zu Ihrer Frage: Warum wollen die Deutschen die Besten sein? Ich frage zurück, Herr Kühn: Was ist falsch an Ihrer Frage?"
"Hm. Sie bedient ein Klischee? Es gibt 'die Deutschen' gar nicht?"
"Schau an! So ratlos sind Sie gar nicht. Es gibt aber noch einen anderen Grund."
"Ah. Und der wäre?"
"Die Deutschen wollen nicht mehr die Besten sein. Sonst würden sie sich mehr anstrengen. Gesundheitsämter länger offenhalten, bessere Schul- und Impfpläne machen, gründlicher nachdenken, nicht haltlos auf andere schimpfen, die schuld an allem sein sollen."
"Interessante Perspektive. Aber wenn das so ist, Herr Brack, wenn die Deutschen in Wahrheit nicht mehr die Besten sein wollen - warum sind sie dann in der Seele gekränkt, weil sie nicht die Besten sind?"
"Kühn! Sie sind mir ein ulricher Vogel! Widerspruchsfrei soll es zugehen, ja? In der Seele, ja? Bei den Deutschen? Die ihren Perfektionismus abschütteln, um anstrengungslos vorn zu sein? Das fragen Sie einen Psychiater? Im Ernst, Herr Kühn, im Ernst?"

Ich versuchte, noch etwas zu sagen - zwecklos. Nie im Leben hatte ich ein solches Höllengelächter gehört. Und wissen Sie, was ich gemacht habe? Ich habe mitgelacht. Aus vollem Hals, aus voller Seele. Es hat unfassbar gutgetan. Es hatte so was irre Befreiendes.

Weitere Informationen
Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 05.02.2021 | 10:20 Uhr

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