Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann

Deutsches Sein - deutsche Vielfalt?

Stand: 18.02.2021 16:45 Uhr

Der 19. Februar ist ein trauriger Tag. Aber vielleicht kann man versuchen, gerade heute mit drängender Zuversicht nach vorn zu blicken. Alexander Solloch denkt in seiner Kolumne darüber nach.

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von Alexander Solloch

Am 19. Februar vor einem Jahr ermordete ein Rechtsradikaler in Hanau neun Menschen. In ungefähr einem Jahr - der genaue Termin steht noch nicht fest - wird ein neuer Bundespräsident gewählt, vielleicht gar eine Bundespräsidentin. Und ganz vielleicht wird nicht der immer gleiche Typ Politiker, der, der schon seit 1949 dieses hohe Amt bekleidet, wiedergewählt.

Soll man es hoffen? Man soll es fordern! Man muss es fordern auch um der Ehre von Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili-Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov willen, um der Ehre dieser neun Menschen willen, die vor einem Jahr dem rechten Terror zum Opfer fielen.

Nächste Staatsoberhaupt muss Beispiel für deutsche Vielfalt geben

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Wie nahezu alles im menschlichen Leben, so hängen auch diese beiden Daten, der 19. Februar 2020 und der ungefähr 19. Februar 2022, miteinander zusammen. Das nächste Staatsoberhaupt muss in der Lage sein, ein Beispiel für deutsche Vielfalt zu geben. Frank-Walter Steinmeier ist ein rechtschaffener Mann, dem es anzurechnen ist, dass er gleich nach dem Verbrechen nach Hanau reiste und versuchte, den Angehörigen der Ermordeten Trost zu spenden, dass er überhaupt davor und danach in seinen Reden sehr viel Gutes über die rechtsradikale Gefahr (wenn auch weniger über rechtsradikale Strukturen in der Gesellschaft) gesagt hat.

Aber wie wirkt denn eigentlich ein bundespräsidentialer Satz wie dieser: "Die Lehren aus dem Holocaust, die Absage an jedes völkische Denken, an Rassismus und Antisemitismus - all das gehört zum Deutsch-Sein dazu."

Satz des Bundespräsidenten erstaunlich unvollständig

Dieser Satz ist mindestens erstaunlich unvollständig. Oder ist der Vermieter, der Menschen, die nicht Schulz oder Meyer heißen, gar nicht erst zur Wohnungsbesichtigung einlädt, kein Deutscher? Ist der Rentner kein Deutscher, der die Mitarbeiterin des Jüdischen Museums in Berlin anblökt, die Deutschen hätten lang genug gezahlt, seien die Juden denn nie zufrieden? Völkisches Denken, Rassismus, Antisemitismus - all das Schlimme gehört auch zum Deutsch-Sein dazu.

Nun könnte man sagen, naja, der Bundespräsident hat diesen Satz doch weit vor Hanau, vor Halle, vor dem Mord an Walter Lübcke ausgesprochen, nämlich im Oktober 2017. Das bedeutet aber auch: Er hat ihn nach der jahrelangen und jahrelang mindestens fahrlässig unaufgeklärten NSU-Mordserie ausgesprochen, nach dem Amoklauf von München, nach Solingen, Mölln, Lübeck ... und: ein paar Tage, nachdem die AfD mit mehr als 90 Abgeordneten in den Deutschen Bundestag eingezogen war.

Diskursverschiebung in den vergangenen zwölf Monaten

Auch könnte man einwenden, Steinmeier habe hier vielleicht nicht den Status quo, sondern das Wünschenswerte beschreiben wollen. Aber es behauptet ja auch keiner, Darmkrebs gehöre nicht zum Deutsch-Sein, Rückenweh gehöre nicht zum Deutsch-Sein, Corona gehöre nicht zum Deutsch-Sein, oder andersherum: die Absage an Corona gehöre im Kern zum Deutsch-Sein. Das sagt doch keiner.

Corona gehört so sehr zum Deutsch-Sein, dass der Deutsche sein Lebensgefühl im Sommer vom Stolz auf die das Virus niederringende deutsche Solidarität bestimmen lässt und im darauffolgenden Winter von der deutschen Angst vor den Mutanten und ähnlich besorgniserregenden Lebensformen, Schulkindern und so. Man muss das mal ganz klar aussprechen: Über Kinder als "Treiber der Pandemie" ist in den vergangenen zwölf Monaten weitaus hingebungsvoller diskutiert worden als über die Gefährdung jeglichen menschlichen Zusammenlebens durch das Treiben von Rechtsradikalen. An Frank-Walter Steinmeier wäre es gewesen, dieser Diskursverschiebung Einhalt zu gebieten.

Deutsch-Sein hat sehr viele Facetten

Einen Bundespräsidenten als weißhaarigen Beigeordneten der Bundesregierung brauchen wir eigentlich gar nicht so dringend. Wir brauchen einen Bundespräsidenten oder eine Bundespräsidentin, der oder die schon mit seinem oder ihrem Namen deutlich macht: Deutsch-Sein hat sehr viele Facetten. Der rechte Wahn gehört dazu, der bürgerliche Anstand gehört dazu, und es gehört ein bisschen mehr noch dazu als "Herzog", "Köhler" oder "Steinmeier".

Das nächste Staatsoberhaupt könnte Filiz Polat, Navid Kermani oder Özlem Türeci heißen. Könnte, sollte, müsste. Wird?

 

 

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NDR Kultur | NachGedacht | 19.02.2021 | 10:20 Uhr

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