Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann

Der Sinn des Strebens

Stand: 19.03.2021 10:20 Uhr

Geldgier, Krise, Vertrauensverlust - das sind so ein paar Schlagworte in diesen Wochen der Wut. Gedanken dazu von Alexander Solloch.

Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann
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von Alexander Solloch

Da ja gerade so viele bisherige Bundestagsabgeordnete auf dem Pfad der ethischen und beruflichen Neuorientierung wandeln und deshalb neue unverbrauchte Kräfte fürs Parlament gesucht werden, halte ich unmissverständlich fest: Sollte mein Bäcker um die Ecke sich dazu entschließen, für ein Mandat zu kandidieren, bekommt er meine Stimme nicht! Er ist handwerklich zu Höchstleistungen imstande und auch sonst ein weitgehend prima Typ; aber er kann es nicht lassen, sogar in der schlimmsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg oder mindestens seit vorvergangener Woche aus meiner Notsituation (Hunger) Kapital zu schlagen (80 Cent fürs Walnuss-Schnittlauch-Brötchen). Das disqualifiziert ihn krachend fürs höchste deutsche Tugendamt.

Kann man noch ruchloser sein?

Mir war das bislang gar nicht bekannt gewesen, dass im Bundestag seit mehr als sieben Jahrzehnten nur die edelsten Kräfte des deutschen Volkes Platz zu nehmen pflegen, aber der plötzliche Aufruhr in den Medien, der CDU/CSU-Fraktionsspitze und in Gemüt und Sprache des Bundespräsidenten, die sich allesamt so etwas Schlimmes wie geldgierige Abgeordnete nicht im mindestens hatten vorstellen können, zeigt die beklagenswerte Unaufgeklärtheit meines politischen Bewusstseins an. Nein, lerne ich, im Bundestag versammelt sich seit jeher nicht ein Querschnitt der Gesellschaft, sondern die edle Elite - bis auf die paar verdammenswerten Aussätzigen eben. "Der Spiegel", seit der Trennung von Claas Relotius moralisch besonders gefestigt, kennzeichnet einen dieser Maskendealer als "einen der ruchlosesten Abgeordneten, die der Deutsche Bundestag je in seinen Reihen hatte". Das ist nicht übel; immerhin, zu den gegenwärtigen Mitgliedern des Bundestags zählt ein Mann, der den Mord an Millionen Menschen für einen "Vogelschiss" in der Geschichte hält, zählen 91 andere Frauen und Männer, die diesen Herrn für ihren geeigneten Anführer halten. Kann man noch ruchloser sein?

Empörungs-Inzidenz exponentiell erhöht

Offenbar ja, und das ist doch einigermaßen bemerkenswert. Wir leben ja ohnehin schon im prüdesten Zeitalter seit … [bitte selbständig je nach Übertreibungslust einfügen; Empfehlung des Autors: "seit dem Zweiten Weltkrieg"]. Wenn man sich nicht allmorgendlich dazu entschließt, lieber im Bett zu bleiben (was gewiss für alle das Beste wäre), ist es nahezu unmöglich, durch eigenes Sein, Tun oder Sprechen niemanden zu beleidigen. In dieser moralisch aufgeladenen Pandemie-Zeit aber ist die Empörungs-Inzidenz noch exponentiell erhöht, jeder merkt's daran, wie vehement der eigene innere Blockwart zuckt und zetert, sobald sich ins Blickfeld irgendetwas womöglich Unmaskiertes krümmt. Skandal!

Versehentlich so glücklich wie früher

Ich werde Ihnen jetzt mal sagen, worin das eigentliche Problem besteht. Ich habe es neulich herausgefunden, als ich versehentlich Musik hörte und dabei versehentlich glücklich war. "Wie früher", dachte ich und war erregt: wie früher, als ich die neue CD, die ich mir von sonst was abgespart hatte, ehrfürchtig auspackte, abspielte, mich, zögernd erst und immer euphorischer dann, in die neuen Lieder verknallte, bald auch die Refrains mitsang, mich dazu schön an dunkelrot-schwerem Getränk berauschte und die klugen Worte meines atheistischen Bruders bedachte: "Wein ist ein Geschenk Gottes!"

Der deutsche Fleiß-, Frühaufsteher- und Zeitmangelfetisch

Das Problem ist, dass wir Älteren - wir, die wir die 35 knapp überschritten haben, wir, die wir so beflissen "Dienst" und "Homeoffice" und "Telko" spielen und wie die Begriffe alle lauten, mit denen wir unsere tägliche Zeitvergeudung schmücken -, dass wir also vergessen haben, warum wir den ganzen Quatsch namens Leben eigentlich auf uns nehmen. Als Georg Nüßlein, einer jener inkriminierten Bundestagsabgeordneten, noch als ehrbarer Mann angesehen wurde, schrieb er über sich auf seiner Homepage, in seiner "knappen Freizeit" erhole er sich am liebsten in der Natur. Dieser deutsche Fleiß- und Frühaufsteher- und Zeitmangelfetisch ist's, der uns alle so krank macht. Wenn einem also ausnahmsweise mal etwas Freude bereitet, entschuldigt er solchen Ausrutscher gleich damit, dass er sich diesem Exzess nur ganz ausnahmsweise hingebe und wenn, dann nur zur "Erholung", die ihn für die Zwecke des professionellen Lebens wieder aufrichtet. Hat Georg Nüßlein seine geldscheffelnde Umtriebigkeit denn nun irgendwie glücklich gemacht?

Es gibt keinen Sinn des Strebens. Alles wäre besser, wenn wir mehr söffen und sängen in unserer vielen Zeit.

 

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Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 19.03.2021 | 10:20 Uhr

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