Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

Das neue Normal: Wie leben wir in der Zukunft?

Stand: 11.06.2021 07:29 Uhr

Eine Gesellschaft sucht nach geordneten Wegen zurück in die Normalität. Dabei wird das Wohnen immer wichtiger, weil in den eigenen vier Wänden viel mehr passiert, und künftig passieren soll, als vor der Pandemiezeit. Bereiten wir uns darauf vor, findet Claudia Christophersen.

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Claudia Christophersen

Es ist soweit: wir können erste Bilanz und Schlüsse ziehen. Wie unter einem Brennglas hat uns die Pandemie vor Augen geführt, was im gelebten Alltag geht, was nicht geht, wo die Dinge scheinbar irgendwie laufen, wo aber auch ganz klar Handlungs- und Veränderungsbedarf besteht. Wege ins Büro sind an vielen Stellen nicht zwingend nötig. Was früher undenkbar war, wird nahezu selbstverständlich: mobiles Arbeiten. Für Mütter und Väter verlockend, weil sie vermeintlich Beruf und Familie besser unter einen Hut bekommen.

Die letzten 14 Monate haben gezeigt, auch das lang ersehnte Arbeiten vom heimischen Schreibtisch aus hat Vorteile, es hat aber auch seine gewaltigen Tücken. Zimmer wurden zu klein, Wände zu dünn. Der Weg ins Büro kann für das Zuhause konfliktentschärfender Balsam sein.

Wohnen ist wichtig für das Denken und Leben

Menschen, die es gewohnt sind, am heimischen Schreibtisch zu arbeiten, sind eingeübt, auch auf engem Raum. Friederike Mayröcker, in der letzten Woche starb sie im Alter von 96 Jahren, brauchte die konzentrierte Ruhe am gewohnten Platz. Ihr Leben war das Schreiben und das tat sie in einer kleinen Anderthalbzimmerwohnung in der Wiener Zentagasse, in einem Zimmer voll mit Büchern, Kisten, Zetteln. Poesie, Prosa konnten nur hier entstehen, das dichterische Experimentierspiel mit Worten, Sätzen, mit der Sprache gelang einfach nur an diesem Ort.

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Cover des Buchs "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" von Friederike Mayröcker © Bibliothek Suhrkamp

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Hier lebte sie ihre sogenannten "Buchstabendelirien". "Aus meinen Köpfen sprießt das Feuerwerk der Tränen" - Was für ein Satz, den Friederike Mayröcker zimmerte in ihrem Schreibtempel und der zeigt: Wohnen ist wichtig für das Denken, Leben und Arbeiten.

Deutscher Pavillon: weiß, nackt und leer

Beamen wir uns für einen kleinen Moment in die Zukunft: magische 17 Jahre nach der Pandemie, wir zählen das Jahr 2038 und blicken zurück auf das, was sich Corona nannte. Imperfekt! Der Mensch der Zukunft beherrscht die digitalen Kniffe und Kompetenzen spielerisch: Er trifft sich im virtuellen Raum, veranstaltet Konferenzen, Diskussionen, hält Vorträge. Der Bildschirm mit seinen vier Ecken öffnet den Raum in die große digitale Welt.

Warum 2038? "How will we live together?" - ist die Frage und das Motto der Architekturbiennale in Venedig, die mit einem Jahr Verspätung jetzt stattfindet und Corona selbstbewusst trotzt. Weil man eben nicht wusste, ob und wie und überhaupt, hat man sich klug auf das eingestellt, was verlässlich stattfinden kann. Im deutschen Pavillon wird vorgeführt, wie Utopien umgesetzt werden können: weiß, nackt und leer sieht er aus: Kein Bild, keine Zeichnung, keine Installation. Oder doch?

Keine Fantasien, sondern gezielte Richtungsfragen

QR-Code heißt das moderne Zauberwort. In ihm verbirgt sich das ganze Oeuvre: Filme, Panels, Debattenräume. Keimfrei, virenfrei und klimafreundlich. Kein Flugzeug, keine Bahn, kein Boot muss dafür in Bewegung gesetzt werden. Dass jetzt tatsächlich doch reale Menschen vor Ort sind - Gott sei Dank -, ist den niedrigen Inzidenzzahlen geschuldet.

Diesen Gedanken traktiert Venedig, und damit geht die Erzählung dieser Architektur-Biennale so: Wie sieht die Zukunft der Menschen aus? Wie wird man bauen, um Städte grüner und kühler zu machen mit Holzhäusern, luftigen Hochhäusern in grünen Städten, mit mehreren Generationen und all' ihren Bedürfnissen? Das sind keine Fantasien, sondern gezielte Richtungsfragen, die durchaus Lösungen parat haben auf das klare und eindringliche Motto: Wie wollen und werden wir zusammenleben?

Wissen was wichtig ist

Denn dort, wo wir leben, werden sie geschrieben, die Sätze. Friederike Mayröcker hatte die Lage längst im Blick. Sie wusste, was wirklich wichtig und nötig ist: "… du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund die Gestirne das Gras die Blume den Himmel."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 11.06.2021 | 10:20 Uhr

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