Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Das hässliche Gesicht der Gewalt

Stand: 21.05.2021 07:15 Uhr

Seit fast zwei Wochen jagen Raketen über Israel, es wüten Hass und Zorn auf den Straßen, auch in Deutschland. Bei jedem Streit, Konflikt oder Krieg steht eine Frage im Raum: Wer hat eigentlich angefangen? Im Nahost-Konflikt niemals leicht zu beantworten.

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von Claudia Christophersen

Es war ein Wintermorgen, der mürrisch anlief, sperrig und schlecht gelaunt. Vieles im Kopf, Dinge, die längst noch nicht zu Ende gedacht waren. Wie soll die Geschichte weitergehen? Welcher Satz wird an den nächsten gestrickt? Eine Schriftstellerin, die keine Zeit hat, darüber nachzusinnen. Zeruya Shalev wäre gerne an diesem Morgen mit ihren Gedanken beim Text geblieben. Geht nicht, weil es neben dem Leben am Schreibtisch den praktischen Alltag gibt.

Schriftstellerin Zeruya Shalev erlebte das Unfassbare

Jerusalem am 29. Januar 2004. Auf der Straße dann passiert das, was das mulmige Gefühl an diesem Morgen bestätigt: Ein Linienbus fährt an Shalev vorbei. Ein plötzlicher Knall, die schreckliche Macht der Explosion, alle schreien. Auch Shalev wird verletzt, ihr Kniegelenk ist mehrfach gebrochen. In Interviews spricht sie später darüber. Schreck, Schock, Trauma sitzen tief.

Darüber schreiben in ihren Büchern, ihren Romanen, ihren komplexen Beziehungsgeschichten, so sagte sie damals, wolle sie nicht. Schreiben sei für sie der zarte Rückzugsort, dort sei kein Platz für die harte, brutale Politik in diesem Land. Zehn Jahre später schreibt sie dann doch. "Schmerz" heißt der Roman, der vom Unfassbaren erzählt, der davon handelt, dass die Erinnerung immer wiederkommt, nicht einfach wie ein aufgetragenes Kleid abgelegt werden kann. "Sie hat sich daran gewöhnt", schreibt Zeruya Shalev, "beim Wechsel der Jahreszeiten oder nach körperlichen Anstrengungen, mit diesem pulsierendem Schmerz zu leben, nie wieder wird sie die physische Ausgeglichenheit wie in der Zeit vor dem Attentat erfahren, doch zu keinem Augenblick hat sie eine solche Welle erwartet, als würde an diesem Morgen alles von neuem anfangen."

Kämpfe zwischen Israelis und Palästinensern eskalieren

Eine israelische Artillerieeinheit feuert an der israelischen Grenze zu Gaza auf Ziele im Gazastreifen. © dpa-Bildfunk Foto: Tsafrir Abayov
Wieder einmal eskalieren die Kämpfe zwischen Israelis und Palästinensern.

Fast zwanzig Jahre ist dieses Attentat her, bei dem Zeruya Shalev getroffen und verletzt wurde. Und nicht erst jetzt sind solche Szenen wieder da: Bilder von tobender Gewalt. Nicht ein Autobus, viele angezündete Autos, in sich niederknieende, zerbombte Häuser, hochgepeitschter Hass auf den Straßen. Wieder einmal eskalieren die Kämpfe zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen Hamas, islamischem Dschihad und Israel.

An diesem Punkt angekommen, sind es immer die gleichen Fragen, die gestellt werden: Wer hat angefangen? Was hat das Fass zum Überlaufen gebracht? Welcher Stich war zu viel und hat den ewig schwelenden Konflikt in blutige Gewalt umschlagen lassen?

Das Beben überschreitet Israels Grenzen

Die Welt ist alarmiert, und schon längst hat das Beben die Grenzen Israels überschritten. Stellvertretend gehen Menschen auf die Straßen, demonstrieren mit wütenden und hasserfüllten Gesichtern, zünden vor Synagogen Israel-Flaggen an und drohen anonym mit Anschlägen. Auch in Deutschland. Zeitanalytiker fragen, ob der Antisemitismus eigentlich wirklich benannt wird, ob tatkräftig genügend dagegen getan wird, ob die Gefahr überhaupt erkannt ist. Nicht nur 2019 in Halle wurde weggesehen und vieles übersehen.

Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, mahnte in diesen Tagen: Selbst wenn jemand die israelische Regierungspolitik für gänzlich falsch halte, rechtfertige das weder den Dauer-Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen noch den - wie er sagte - "puren Antisemitismus auf deutschen Straßen". Zwei Worte, mit denen Schuster alles zusammenfasst: "Es reicht"!

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 21.05.2021 | 10:20 Uhr

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