Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Corona intensiv - Wir Verdrängungskünstler

Stand: 21.10.2021 16:09 Uhr

Es war doch schon vorbei. Nein, es ist immer noch da. Corona geht weiter und kann übel enden. Nur schlechte Politik? Oder Trotz der Ungeimpften? Ulrich Kühn denkt nach.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Ulrich Kühn

Der menschliche Geist hat eine liebenswerte Macke. Er hat es gerne einfach. Wenn er eine Meinung gefasst hat, bleibt er ihr nibelungentreu und kommt sich mutig vor. Natürlich wäre es mutiger, die Meinung zu ändern, wenn man sich geirrt hat. Doch das fällt dem menschlichen Geist nicht ein. Lieber benutzt er, was immer ihm über den Weg fliegt, als Stütze der einmal gefassten Ansicht. Fliegt ihm flüchtiger Sand über den Weg, baut er halt auf Sand. Das ist ihm herzlich egal. Der menschliche Geist will sich eine Geschichte erzählen, die für ihn stimmig ist. Dann spürt er sich, dann fühlt er sich wohl. Noch die kritischsten Köpfe laben sich an der Stabilität ihrer Ansichten. Sie sind ja den anderen überlegen. Glauben sie. Und glaubt der menschliche Geist.

Die Vereinfachungsanfälligkeit des menschlichen Geistes

Davon ist niemand verschont. Nicht die ungeimpften Schlaumeier, die hinter der Impfung böse Mächte vermuten. Aber auch nicht die Geimpften, die alle Ungeimpften für verkörperte Dummheit halten. Nein, ich glaube absolut nicht, dass man sagen kann, beide Meinungen stünden gleichberechtigt nebeneinander. Die Kraft der Ratio, des besseren Arguments, ist auf der Seite der Impfbefürworter. Nur schützt das leider nicht vor der Vereinfachungsanfälligkeit des lieben menschlichen Geistes.

Zum Beispiel unser Talent zur Verdrängung: Wer das Wissen um die Gefährlichkeit des Virus verdrängt, kann leichter daran glauben, dass es die Impfung nicht braucht. Und dass sie auch nichts taugt, weil sie nicht dafür sorgt, dass kein Geimpfter erkrankt. Das ist zwar nicht ganz logisch, aber das stört keinen großen Geist. Wer andererseits geglaubt hat, nach dem zweiten Piks sei die Pandemie erledigt, jedenfalls für ihn selbst, will ebenfalls gern verdrängen - nämlich, dass man sich und andere trotzdem anstecken kann. Kennen Sie diese 2G-Kneipen, in denen man nur husch-husch und augenrollend gebeten wird, einen Nachweis vorzuzeigen? "So, dann nimm die Maske mal schnell runter. Wir sind hier unter uns." Unverwundbare Helden, der Geimpfte als Siegfried der Pandemie - voilà, da ist sie, die Nibelungentreue des verdrängungswütigen menschlichen Geistes.

Auf Kränkung folgt Verdrängung

Er braucht das, weil er die Kränkung verabscheut. Die Kränkung, das ist die kleine Schwester der Verdrängung. Wenn die Kränkung erwacht, weil sie übel einen in die Seite kriegt, ruft sie die Verdrängung zu Hilfe. Corona ist eine einzige Kränkung. Verdammte Axt, wir hatten alles im Griff, dann kam das Virus. Verdammte Axt, meine Freiheit ist heilig, jetzt muss ich mich immer noch testen - wie beschissen kränkend das ist. Und die Einsicht, dass es nicht reicht, das Immunsystem zu trainieren, dass man trotzdem erkranken kann - eine Bilderbuchkränkung des stolzen Autonomie-Bewusstseins. Und der Kränkung folgt die Verdrängung.

Was sind wir unter Corona geworden? Ein Haufen gekränkter Verdrängungskünstler. Der Befund passt exzellent zu unserer dauerbeleidigten Gesellschaft. Wir basteln uns Wahrheiten aus lauter Wahrnehmungsfehlern und wollen nichts davon wissen. Erst, wenn es nicht mehr anders geht, beugen wir uns der Einsicht. Dass die Zahlen wieder hochschießen könnten - ach, geh weg! Geimpft oder ungeimpft, im Sommer waren wir uns da ziemlich einig. Wir wollten es halt so sehr. Vorausschau und Umsicht - nein, das sind nicht die Lieblingsgeschwister von Kränkung und Verdrängung.

Die Grenzen des Verständnishabens

So sieht man dieser Tage immer wieder zweierlei sehr menschliche Schlangen - vor Theatersälen, in denen unter 2G endlich wieder gespielt wird, und vor Booster-Stationen, in denen die nächste Spritze gereicht wird. Beides kann man bestens verstehen. Weil es so menschlich ist. Corona intensiv, unser gekränktes Lebensgefühl.

Nur hat jedes Verständnis auch Grenzen. Die Bilder vom Kölner Karnevalsauftakt sind mit Verdrängung nicht erklärt. Dafür gibt’s stärkere Worte. Ich spreche sie nicht aus. Hier wird niemand beleidigt.

Weitere Informationen
Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 19.11.2021 | 10:20 Uhr

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