Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Alters-Bashing: An der Brust des Vorurteils

Stand: 06.05.2021 18:14 Uhr

Eifrig sortieren Menschen die wirre Welt. Geht das nicht prächtig, wenn man aufs Geburtsdatum schaut, aufs Geschlecht, auf die Hautfarbe? Ulrich Kühn hat Zweifel.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Ulrich Kühn

Heute machen wir was Schaurig-Schönes, ganz Verwegenes. Wir feiern ein paar alte weiße Männer. Jawoll, richtig verstanden! Endlich wieder Party, und dann gleich so! Wer aber wähnt, bei dieser irren Gelegenheit würden in einem Aufwasch gleich alle alten weißen Herren gefeiert, also der ganze Club, und wer sich darauf freut, den nicht mehr jungen Typen, der sich hier gerade outet, in die Pfanne zu hauen - die oder der läuft vielleicht leider nur dem eigenen Vorurteil in den Arm.

Klar, das ist verführerisch: "Willkommen an meiner Brust", gurrt das Vorurteil, "ich wärme dich, bleib bei mir!" Und wer will dazu schon nein sagen? Das Vorurteil kann gurren, wie es will, lasst uns lieber Abstand halten. Mir geht es nämlich nicht um ein verqueres identitätspolitisches Statement für eine Bevölkerungsgruppe, die nun wirklich nicht schwer zu klagen hat. Und exakt genauso wenig um ein Statement gegen diese ganze Mannschaft. Mir geht es einzig darum - und ich weiß, es ist aussichtslos -, das manisch gewordene Sortieren von Menschen nach Gruppen und Identitäten als die Fragwürdigkeit zu betrachten, die es ist - wie alles, was zur scheinbaren Selbstverständlichkeit gerinnt.

Ein Hoch auf alte weiße Männer! Auf alle?

Nichts auf der Welt ist selbstverständlich, oder? Selbst die liebe Sonne wird eines Tages explodieren. Wer ab und zu den Blick hebt, wird ja auch schnell bemerken, dass man gerade noch dreißig sein kann und übermorgen schon sechzig. Wer also meint, eine ganze Generation sei mit der Formel "Okay, Boomer" angemessen abgefertigt, wird sich bestimmt auch darauf freuen, eines nicht fernen Tages selbst in die Ablage zu kommen: Okay, Boomer-Basher, Stempel drauf, weg.

Und jetzt stellt euch stattdessen mal vor: Ein Mensch kann ein paar alte weiße Männer feiern - ohne zugleich die Lanze für den "alten weißen Mann" an sich brechen zu wollen. Ja, das geht! Es ist sogar möglich, dass er es tut, ohne geheime "wahre" Ansichten kundzutun, die entweder rechtsradikal sind oder linksfaschistisch und jedenfalls eklig und bäh. Aber Sie werden ungeduldig, wir wollten doch feiern! Wen denn nun?

Geistige Beweglichkeit in Politik und Philosophie

Voilà, hier sind die drei: Joe Biden, 78, Präsident der USA. Sapperlot, was der zustande gebracht hat in hundert Tagen! Dabei hatte sich sein blutjunger Vorgänger schlappgelacht über "Sleepy Joe". Und sagen Sie bloß nicht: Das war gar nicht der alte Mann, das war sein tolles Team. Heißt es nicht immer, alte weiße Männer wären nicht teamfähig? Ja, und nun? Dann Jürgen Habermas, 91, Philosoph. Der hat einen mit 225.000 Euro dotierten Buchpreis aus Abu Dhabi erst akzeptiert, sich dann aber korrigiert und den Preis abgelehnt. Ihm sei die politische Bedeutung nicht klar genug gewesen.

Der Spiegel, der diese Selbstkorrektur ganz bescheiden nicht maßgeblich auf einen eigenen kritischen Artikel zurückgeführt wissen wollte, notierte huldvoll, bei einem Mann dieses Alters, "erscheint diese unverminderte geistige Beweglichkeit sensationell". Ja, bitte, wie? Jürgen Habermas, klug-beweglich wie eh und je? Das wäre sensationell? Weil: Sehr alter weißer Mann…? Bitte, was ist das für ein Argument?

 Gerhart Polt über Satire und Sprache

Schließlich Gerhart Polt, der heute 79 wird und immer noch dasselbe tut: Er jobbt als Gerhart Polt. In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" hat er über Satire und Sprache nachgedacht. "Ich will mich nicht zu einer bestimmten Redeweise zwingen lassen", hat er gesagt. Denn er mag das "Anmaßende" daran nicht, das verlangt: "Entweder redet einer genau so - oder er ist draußen." So was gehe in keiner Sprache. Und wer jetzt um die Ecke biegt und auch noch Gerhart Polt zum Reaktionär erklären will - na, dem ist auf die Schnelle nur schwer zu helfen.

Drei alte weiße Männer, Gläser hoch und prost! Und hey, Boomer, wisst ihr was: Nehmt euch ein Beispiel an denen. Und Boomer-Hasser, hey: Schlüpft eurem Vorurteil von der Brust! Nicht immer verbirgt sich Wahrheit dort, wo es am wärmsten ist: in den Armen des eigenen Vorurteils.

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Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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NDR Kultur | NachGedacht | 07.05.2021 | 10:20 Uhr

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