Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx. © picture alliance/dpa Foto: Gregor Fischer

Zukunftsforscher Horx: "Die Coronakrise ist ein Zeitenbruch"

Stand: 04.01.2021 15:14 Uhr

Das Jahr 2020 war aufgrund der Corona-Pandemie größtenteils eine Katastrophe. Nun kann es vermeintlich nur noch besser werden. Das sind ziemlich hohe Erwartungen ans neue Jahr. Ein Gespräch mit dem Zukunftsforscher Matthias Horx.

Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx. © picture alliance/dpa Foto: Gregor Fischer
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Herr Horx, überfrachten wir 2021 mit Erwartungen?

Matthias Horx: Ja, weil das nur schwarz-weiß ist: besser werden, schlechter werden. Das Hirn neigt dazu, das so einfach zu beantworten. Aber das ist nicht der richtige Weg. Sondern die Frage ist: Wie wird es anders? Unsere These in der Zukunftsforschung ist die, dass die Coronakrise ein Zeitenbruch ist, ein Zeitalterwechsel, und dass danach die Dinge ganz anders laufen werden. Aber viele Menschen haben immer noch die Erwartung, dass alles wieder wird wie früher: Wir werden genauso in die Flugzeuge einsteigen, genauso viel Fleisch essen, genauso viele Dinge tun wie früher. Und das ist nicht möglich, weil die Menschen sich in dieser sehr lang andauernden Krise stark verändert haben, auch innerlich. Wir haben ganz massive psychologische Wirkungen.

In ihrem gerade erschienen "Zukunftsreport 2021" heißt es: "Wir haben die Komfortzone, die längst brüchig geworden war, hinter uns gelassen. Im Sinne der Zukunft ist das keine schlechte Botschaft." Was soll an der Botschaft gut sein?

Horx: War es denn vorher so schön? Das Gefühl vor der Krise war ja auch, dass das nicht lange gut gehen kann: immer mehr, immer billigere Flüge, immer mehr Konsum, immer mehr Plastik in den Weltmeeren. Und dieser brutale Stopp, den uns dieses Ereignis geschafft hat, hat ungeheuer viele Menschen existenziell berührt. Wie wollen wir in Zukunft leben?

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Das gilt natürlich nicht für alle. Es gibt immer einen Anteil von Menschen, die in diesem alten Programm weiterarbeiten. Aber eigentlich ist es so, dass solche Krisen - und das ist mit anderen Pandemien auch immer so gewesen - eine neue Wirklichkeit schaffen. Die große Krise am Horizont ist die globale Erwärmung - dagegen ist die Coronakrise ein kleiner Lufthauch. Ich glaube, dass diese Katharsis, diese inneren Veränderungen in der Gesellschaft jetzt wirken. Wir arbeiten für relativ viele große Unternehmen und die großen Wirtschaftsführer nehmen die Fragen jetzt viel ernster. Die Politik ist auch sehr viel ernsthafter und nachdenklicher geworden. Die Gesellschaft ist auch ein Stück zusammengerückt, obwohl es Verrückte gibt, die das nicht aushalten. Das sind alles Verwirbelungen, Veränderungen in der Gesellschaft, und die Krise ist erst dann vorbei, wenn wir uns denen stellen, wenn wir sagen: Ja, es wird anders werden.

Wir haben fast täglich mit neuen Herausforderungen zu tun, mit neuen Anforderungen. Ist es dann möglich, konstruktiv mit dieser Unsicherheit umzugehen, wenn man gar nicht absehen kann, in welche Richtung es geht?

Horx: Das ist ja das Wesen von Krisen. Aber wir wissen ja alle aus unseren persönlichen Erfahrungen, dass wir irgendwann darauf Antworten finden und dass wir daran auch wachsen. Denken Sie an eine Scheidungskrise, eine Berufskrise - das menschliche Leben ist voller Krisen. Wir schauen immer auf das Negative, das nicht funktioniert hat, und beschimpfen uns gegenseitig. Aber gleichzeitig hat sich auch eine Resilienz in der Gesellschaft gezeigt. Die Weltwirtschaft ist nicht zusammengebrochen, und wir haben Dinge bewältigt. In all diesen Schwierigkeiten wächst auch etwas Menschliches in uns - und diese Kraft ist die einzige, auf die wir vertrauen können.

Buchtipp

Buchtipp:
Die Zukunft nach Corona - Wie eine Krise unsere Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert
von Matthias Horx
Econ Verlag
Seiten: 144 Seiten
ISBN: 978-3430210423
Preis: 15,00 Euro

Die Alternative dazu wäre, dass wir immer nur in die Angst starren. Und wenn wir sie dauernd anstarren, dann wird sie immer größer und wir werden immer gelähmter. Ich sehe in meinem Bekanntenkreis und in der Gesellschaft eine große innere Mobilisierung, dass die Menschen sagen, dass sie so nicht weiterleben können, dass sie etwas anderes tun müssen, dass sie eine andere Sinndebatte brauchen. Diese Prozesse sind im Gange, und es ist wichtig, dass wir sie als Gesellschaft realisieren und wahr machen.

Wir sehen und hören auch diejenigen, die sich deutlich abwenden von "denen da oben", von der Wissenschaft, der Vernunft, dem Sagbaren. Wie gehen wir damit um?

Horx: Den Höhepunkt dieses Durchknallens haben wir im letzten Jahr mit Trump und mit all diesen Phänomen erlebt. Die sind kleiner geworden, auch wenn sie uns größer erscheinen, weil sie im Brennglas der Medien viel größer sind. Es gibt Leute, die das nicht aushalten und wahnhafte Gebilde erzeugen. Aber es gibt eine viel größere Anzahl von Menschen, die das erschreckt hat und die ein neues Vertrauen in die Wissenschaft brauchen. Auf eine paradoxe Art und Weise haben wir es hier mit einer Abspaltung und nicht mit einer Spaltung in der Mitte der Gesellschaft zu tun. In Amerika hat Corona die Gesellschaft gespalten - bei uns ist es eher so, dass wir uns ein Stückchen mehr ernüchtert haben. Wir sehen heute einen großen Konsens, den wir seit vielen Jahren nicht mehr hatten. Die Leute sind sehr einverstanden mit dem, was die Politik macht, mit der Aufgabe des Staates. Wir wissen inzwischen, was wir daran haben.

Die Bekämpfung der Krise geht auf Kosten der künftigen Generationen. Wir nehmen mittlerweile Billionen auf, um irgendwie dieser Krise Herr zu werden. Können zukünftige Generationen damit umgehen?

Horx: Das ist ein bisschen eine Sparkassenmentalität. Warum eigentlich? Warum nehmen wir das nicht als Investition? Ist es nicht manchmal wichtig, dass wir etwas in die Hand nehmen und damit versuchen, etwas in die Zukunft hinein zu finanzieren? Und haben wir das nicht schon ganz oft getan? Nach dem Krieg haben wir auch erst einmal massiv aufbauen müssen. Es ist nicht so, dass wir eine endliche Menge Geld in der Verschuldung haben, sondern es entstehen daraus auch neue Märkte und Innovationen. Wir haben gesehen, wie schnell sich die Digitalisierung beschleunigen kann. Wir stehen vor einem gigantischen Umbau unseres gesamten Energiesystems, unseres Mobilitätssystems. Auf der Plusseite ist also auch eine ganze Menge vorhanden, und ich glaube, die Solidarität zwischen den Generationen kann dadurch durchaus steigen.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.01.2021 | 18:00 Uhr

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