Christian Kuhnt © picture alliance/dpa Foto: Markus Scholz

SHMF mit 160 Konzerten geplant: "Es wird kein normales Festival"

Stand: 17.05.2021 16:35 Uhr

Die guten Corona-Inzidenz-Werte sorgen in Schleswig-Holstein für ein Hauch von Normalität. Aber was ist mit den großen Festivals, etwa dem Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF)? Fragen an den Intendanten Christian Kuhnt.

Christian Kuhnt © picture alliance/dpa Foto: Markus Scholz
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Lockerungen in der Gastronomie, bald auch im Tourismus: Wie sicher sind Sie, dass das SHMF in diesem Sommer ordentlich über die Bühne gehen kann?

Christian Kuhnt: Wir haben in diesen 18 Monaten gelernt, dass es keine Sicherheit gibt. Umso flexibler muss man bleiben und lernen, die Hoffnung nicht aufzugeben, auch wenn es manchmal schwerfällt.

Aber wie lässt sich denn mit dieser Flexibilität planen? Wie lassen sich beispielsweise Verträge machen, sowohl mit den Veranstaltungsorten als auch mit den auftretenden Künstlerinnen und Künstlern?

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Die Pianistin Hélène Grimaud © Mat Hennek / SHMF Foto: Mat Hennek

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Kuhnt: Wir haben letztes Jahr im Rahmen des "Sommers der Möglichkeiten", wie wir unsere Corona-Edition genannt haben, schon unter Beweis gestellt, dass wir uns als Kultur-Ermöglicher sehen. Wenn es nur digital geht, dann machen wir es eben digital - wenn es mit Publikum geht, dann nutzen wir auch diese Chance. Und so sind wir auch an die Planung 2021 herangegangen: Wir haben sehr früh gesagt, dass es wahrscheinlich kein normaler Sommer werden wird und uns dazu entschieden, zwei Drittel unter freiem Himmel stattfinden zu lassen. Dementsprechend sind wir vorbereitet, aber es bleibt kompliziert, weil wir nicht wissen, wie die Zahlen im Juli und August sein werden.

Welche Signale oder Planungssicherheiten kriegen Sie aus der Politik?

Kuhnt: Ich bin sehr glücklich, in diesem Bundesland Schleswig-Holstein arbeiten und leben zu dürfen, denn hier sieht man, dass man auch Risiken bereit ist einzugehen. Wir sind in einem ganz engen Austausch mit der Landesregierung, und das ist ein gutes Gefühl. Vielleicht wird es nicht immer nach außen transportiert, aber der Ministerpräsident kümmert sich sehr intensiv um die Veranstaltungswirtschaft, er moderiert Gespräche. Da ist Wacken dabei, das Schleswig-Holstein Musik Festival und auch die Eutiner Festspiele. Er ist auch an den Besonderheiten jeder einzelnen Veranstaltungsbranche interessiert - aber gleichzeitig kann auch er nicht in die Zukunft schauen. Nun gibt es aber seit einigen Wochen diese Modellregion Kultur in Schleswig-Holstein, und es läuft alles sehr gut - was aber nur möglich war, weil die Inzidenzzahlen in Schleswig-Holstein kurioserweise dauerhaft relativ niedrig sind.

In welchen Dimensionen planen Sie denn? In den Dimensionen 2020 oder vielleicht 2019?

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Eindrücke vom "Musikfest Hasselburg", das im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals stattfindet. © Axel Nickolaus Foto: Axel Nickolaus

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Kuhnt: Weder noch. Es wird nicht ein normales Festival sein wie 2019 mit 190.000 Besuchern. Es wird aber auch kein "Sommer der Möglichkeiten" sein - das hoffen wir zumindest -, bei dem wir mit 100 Aktionen etwa 20.000 Menschen erreicht haben. Wir planen 160 Konzerte, die meisten davon unter freiem Himmel. Das gibt uns deutlich mehr Möglichkeiten. Die Wissenschaft ist sich da einig, dass das Infektionsgeschehen bei Open-Air-Konzerten keine Gefahr bedeutet. Wie wir dann mit diesem einen Drittel in den Hallen umgehen, das müssen wir relativ kurzfristig schauen. Wir überlegen mit den Künstlerinnen und Künstlern, dass wir Konzerte zweimal spielen, wenn die Kapazitäten noch immer sehr gering sind.

Uns allen steht ja das Gleiche bevor: die Frage, wann es wieder gut wird. Wenn ich einen Anruf von einem Künstler bekomme, der wissen will, wie wir es denn Ende Juli machen - dann kann ich nur sagen: Ich weiß es nicht, aber wir machen auf jeden Fall etwas. Wir müssen uns fest vornehmen, dass wir diese Perspektiven, die sich auftun, nutzen - auch wenn es erfordert, dass wir mit kürzeren Vorläufen arbeiten.

Es ist absehbar, dass weniger Zuschauerinnen und Zuschauer bei den Veranstaltungen dabei sein können. Geht das dann fiskalisch auf?

Kuhnt: Es ist eine ganz große Herausforderung. Aber wir bekommen in diesem Jahr Bundesmittel, auch von dem Programm "Neustart Kultur". Ohne die würde es gar nicht funktionieren. Wir hätten dann unsere ambitionierten Pläne gar nicht vorstellen müssen, wenn wir nicht öffentliches Geld in einem höheren Maße bekommen, als es sonst der Fall ist. Wir sind ja eine private Stiftung, die sich zu 90 Prozent über Sponsoring und den Verkauf von Eintrittskarten selbst finanziert. Aber in solchen schwierigen Jahren geht das nicht. Deswegen sind wir sehr dankbar, dass auch das Land Schleswig-Holstein nochmal draufgesattelt hat, weil wir auch für Schleswig-Holstein eine Signalwirkung haben können. Denn wenn wir etwas ermöglichen, dann zieht das auch anderes nach sich. Dementsprechend sind wir jetzt in einer Situation, dass wir von öffentlichen Geldern abhängig sind, und wir hoffen, dass wir 2022 finanziell besser dastehen können.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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NDR Kultur | Journal | 17.05.2021 | 18:00 Uhr

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