Die Intendantin des Staatstheaters Hannover Laura Berman auf einem Pressefoto. © dpa - Bildfunk Foto: Christophe Gateau

Opernintendantin Berman: "Das Auf und Ab war am anstrengendsten"

Stand: 21.12.2020 14:25 Uhr

2020 war ein denkwürdiges Jahr, besonders für die Kultur. An der Staatsoper Hannover wird man sich neben dem Lockdown aber auch an die Auszeichnung der "Oper! Awards 2020" als "bestes Opernhaus" erinnern. Ein Gespräch mit der Intendantin Laura Berman.

Die Intendantin des Staatstheaters Hannover Laura Berman auf einem Pressefoto. © dpa - Bildfunk Foto: Christophe Gateau
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Frau Berman, was überwiegt, wenn Sie auf dieses Jahr zurückblicken: das Corona-bedingte Streichen von Oper, Ballett und Konzerten oder die Wertschätzung Ihrer Arbeit?

Laura Berman: Das ist eine schwierige Frage, aber ich glaube, es war der Schock des Lockdowns und der ganzen Konsequenzen. Am meisten erschrocken hat mich der Gedanke, dass Singen oder Musizieren gefährlich sein könnte. Ich kam damit innerlich überhaupt nicht zurecht.

Menschen, die auf die Bühne gehen, werden gespeist von dem Gefühl, dass das, was sie tun, gesehen werden will. Mit dem Lockdown wird aber suggeriert: Wir können auf die Kultur verzichten. Wie verändert dieses Wort "Systemrelevanz" die Kulturbranche und ihre Akteure?

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Berman: Man war in der Kulturwelt von diesem Gedanken zunächst sehr verletzt, verärgert und überrascht. Aber als wir nach dem Lockdown wieder gespielt haben, war die Wertschätzung - jedenfalls hier in Hannover - groß. Die Kollegen haben auch festgestellt, dass wir doch etwas wert sind, dass Menschen Musik und Theater brauchen: Sie wollen Menschen sehen, wie sie tanzen, wie sie extreme Emotionen zum Ausdruck bringen, wie sie mit Text, Musik und Bewegung sich mit Problemen auseinandersetzen oder uns zum Lachen bringen. Das ist für das Leben wirklich wichtig. Und mittlerweile merkt man, dass diese Dinge doch einen Wert in der Gesellschaft haben.

Im März kam der erste Lockdown, dann schien sich die Lage über den Sommer zu entspannen. Aber im Herbst wurde die Kultur wieder dicht gemacht. Wie haben Sie und ihre Mitarbeiterinnen dieses Auf und Ab erlebt?

Berman: Das Auf und Ab war am anstrengendsten. Für mich und für die Menschen in der Leitung war es immer schwierig einzuschätzen, wie es unseren Mitarbeitern gehen würde, wenn wir etwas entscheiden mussten. Es gab immer unterschiedliche Reaktionen. Wir haben jetzt auch einen kompletten Shutdown, hoffen aber, dass wir im Januar wieder proben können. Das ganze Orchester und der ganze Chor wünschen sich das - Repertoire-Proben würden sie schon glücklich machen. Wenn man die gleiche Frage letzten März gestellt hätte, wäre zu viel Ängstlichkeit dabei gewesen. Nicht zu wissen, wie es den anderen geht, die unterschiedlichen Reaktionen auf diese Situation - das ist das Schwierigste für alle.

Gibt es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die besonders unter dieser Pandemie leiden?

Berman: Alle leiden gleich. Nach der Probe am letzten Arbeitstag haben die Techniker gesagt, wie traurig sie sind, dass wir über Weihnachten nicht spielen. Es fehlt jedem etwas - und keiner möchte zu Hause herumsitzen.

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Die Staatsoper Hannover hat - wie viele andere Häuser auch - einige Streaming-Angebote: Auf Ihrer Homepage kann man sich die Carmen-Inszenierung ansehen oder "Trionfo. Vier letzte Nächte". Ab Mittwoch auch die Märchenoper "Hänsel und Gretel". Wie werden diese Angebote angenommen?

Berman: Sehr gut. Beim Ballettabend "Rastlos" haben am ersten Abend nur auf unserer Homepage 14.000 Menschen reingeschaut. Unsere Produktion von "Carmen" hat den Rekord gebrochen: Bei dem Portal OperaVision waren es am ersten Abend 8.000 Zuschauer. Natürlich schauen sich die Menschen häufig nicht die ganzen Stücke an, sondern nur Teile daraus. Aber ich denke schon, dass das vielen Menschen eine Freude macht. Das Portal OperaVision ist eine Art Lobby für die Opernwelt insgesamt.

Und wie lange wird Oper im Netz noch funktionieren?

Berman: Ich glaube, es wird immer funktionieren - aber das ersetzt nicht das Live-Erlebnis. Es ist so eine Art Ergänzung. Bei dem Portal OperaVision gibt es viele Zuschauer aus anderen Ländern, und die sind neugierig, was wir hier in Deutschland so machen.

Es ist also auch eine Möglichkeit, sich nach außen hin zu präsentieren?

Berman: Absolut. Und im Moment ist es eine Möglichkeit, den Kontakt zu unseren Zuschauern in Hannover und in der Region aufrechtzuerhalten.

Wie werden Sie Weihnachten feiern? Was wünschen Sie sich besonders?

Berman: Ein bisschen Ruhe und Entspannung. Ich werde eine Videokonferenz mit meiner Familie in den USA haben. Und hier werde ich mit einer befreundeten Familie ruhig feiern. Nach diesem Jahr mit so viel Tumult und Stress tut mir das sehr gut.

Das Interview führte Andrea Schwyzer

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.12.2020 | 18:00 Uhr

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