Nike Wagner © picture alliance/dpa

Nike Wagner: "Beethoven ist zeitlos"

Stand: 16.12.2019 16:42 Uhr

Alles feiert Beethoven - obwohl das Jubiläumsjahr vor dessen 250. Tauftag stattfindet. Ein Gespräch mit der Intendantin des Bonner Beethovenfests, Nike Wagner.

Frau Wagner, erscheint es Ihnen auch ein bisschen komisch, dass das Jubiläumsjahr etwas früher stattfindet? Oder sagen Sie, Beethoven ist ohnehin zeitlos?

Nike Wagner: Ich würde zu Letzterem tendieren. Beethoven ist wirklich zeitlos. Er liegt ungünstig, man kann nicht 2020 im Dezember anfangen. Also gehüpft wie gesprungen - Beethoven ist großartig. Und wenn wir ihn ein paar Takte früher feiern, macht das gar nichts.

Die deutsche Musikgeschichte ist voller großartiger Komponisten. Und nichtsdestotrotz nimmt Ludwig van Beethoven da eine Sonderstellung ein. Was macht ihn so herausragend?

Wagner: Er ist ein Komponist, der ein Spektrum von Ausdrucksmöglichkeiten, von Emotionalitäten hat, das faszinierend ist. Das Triumphale, das Sieghafte, das Titanenhafte hat er genauso wie die Ausdrucksskala der innigsten Empfindung. Es gibt auch Humor, Liebe - es gibt eigentlich alles bei Beethoven.

Er kam aus dem kurkölnischen Bonn und wurde mit seinem Wechsel nach Wien zu der prägenden Figur der Wiener Klassik. Er war zunächst ein Klaviervirtuose - was machte ihn dann so prägend?

Wagner: Er hat schon in Bonn angefangen zu komponieren. Deswegen wurde er auch nach Wien geschickt. Wien war die Hauptstadt der Musik in der damaligen Zeit, und nur dort konnte er sich kompositorisch entwickeln. Natürlich auch konzertierend, klavierspielend und dirigierend. Das hätte er in Bonn so nicht werden können. Außerdem hatte sich in Bonn der Hof im Zug der Französischen Revolution aufgelöst.

Er verkehrte in Wien in den höchsten habsburgischen Kreisen. Wie sehr nutzte ihm das? Oder hat er das auch ausgenutzt?

Wagner: Das ist bei Beethoven anders als bei Haydn oder Mozart. Natürlich muss er sich im Adelsmilieu bewegen. Da ist das Interesse, da ist die Kennerschaft, dort wird in den Salons gespielt und aufgeführt. Auf der anderen Seite war er schon früh bürgerlicher Unternehmer und hat den Zwiespalt erlebt, wenn man von seinen Kompositionen leben muss. Er war da also zwischen den Stühlen: im Kopf frühbürgerliche Aufklärer, antiaristokratisch, revolutionär, freiheitlich, menschenrechtlich gesinnt. Auf der anderen Seite waren die Gönner und Freunde hauptsächlich aus dem Adelsmilieu. Im bürgerlichen Verdiener-Milieu hat er sich schwergetan, da musste er sich herumschlagen.

Zum Bedauern aller Opernfans hat er mit "Fidelio" nur eine einzige Oper hinterlassen. Er hat mit dem Genre, das seinerzeit sehr beliebt war, gefremdelt. Warum?

Wagner: Das kann ich schwer sagen. Er war ein Epiker und kein Dramatiker. Beim "Fidelio" braucht man einen richtigen Librettisten dazu, da braucht man eine dramatische Pranke. Mozart hatte die - Beethoven hatte sie nicht. Beethoven war ein sinfonischer Komponist, es ist nicht jeder ein Dramatiker. Richard Wagner war ein Theatermann, ein richtiger Dramatiker. Der hätte sich nie sinfonisch durchsetzen können.

Wie hat sich der Verlust seines Gehörs auf sein Werk ausgewirkt? Hat ihn das zur Komposition getrieben, weil er nicht mehr selber so gut konzertieren konnte?

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Wagner: Nein, so würde ich das auf keinen Fall formulieren. Er war von Haus aus Instrumentalist, bevor er zu komponieren begonnen hat. Auch das hat er schon in Bonn ganz ausschweifend getan. Er wäre immer der geworden, der er war - ob mit Gehör oder ohne. Was sein kann - und das betrifft das ganze Spätwerk - ist, dass er eine Radikalisierung an den Tag gelegt hat, die ihm, wenn er nicht ertaubt wäre, so vielleicht nicht gegeben wäre. Darüber kann man spekulieren. Tragisch ist, dass er aufhören musste, Klavier zu spielen und zu dirigieren. Aber der kompositorische Prozess ist von dem Gehörleiden vollkommen unangetastet.

Sie veranstalten im Jubiläumsjahr gleich zwei Beethovenfeste, eins im März und eins im September. Inwiefern unterscheiden die sich von denen in den Vorjahren?

Wagner: Gewissermaßen feiert jedes alljährliche Beethovenfest Beethoven. Natürlich ist es jetzt eine besondere Situation. Deswegen haben wir uns zu zwei Saisons entschlossen. Im März wird zehn Tage lang ein ganz dichtes Orchesterpaket serviert: alle neun Symphonien von Beethoven, gespielt von dem wunderbaren Orchester MusicAeterna. Dirigent wird an fast allen fünf Abenden Teodor Currentzis sein. Ich habe noch eine zweite Schiene eingezogen, und da ist der Gedanke: Beethoven und Europa. Da kommen europäische Orchester und spielen zum Teil wieder Aufführungen von Auftragswerken, die ich im Laufe meiner sieben Jahre hier gegeben habe.

In unserer Herbstsaison machen wir einen Leonoren-Komplex. Das heißt, es werden alle Fidelio-, also Leonoren-Opern aus der Beethoven-Zeit gespielt werden, die es da so gibt. Und als zartes Echo auf die großen neun Symphonien im März lasse ich die Transkriptionen für Klavier spielen, die Franz Liszt von allen Beethoven-Symphonien angefertigt hat.

Das Interview führte Jürgen Deppe

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NDR Kultur | Journal | 16.12.2019 | 19:00 Uhr

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