Marica Bodrožić © imago

"Wir müssen es schaffen, diesen längeren Atem zu aktivieren"

Stand: 28.12.2020 15:40 Uhr

Seit heute ist "Pantherzeit", das neue Buch von Marica Bodrožić, in "Am Morgen vorgelesen" zu hören. Ein Gespräch mit der Schriftstellerin über diese sehr spezielle Zeit und ihr ganz besonderes Werk.

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Frau Bodrožić, im Frühling 2020 brachte der Lockdown die Welt zum Stillstand. Für Sie der Moment, Rilkes "Der Panther" aus dem Bücherregal zu ziehen und darüber jeden Abend zu meditieren. Wie ist es zu dieser Idee gekommen?

Marica Bodrožić: Das war ein Blitzgedanke, wie ich ihn manchmal erlebe, wenn ich eine Idee für ein Buch habe. Dieses Gedicht hatte sich so in mich eingeschrieben, dass es eines Abends nach dem Abendessen ganz von alleine in den Vordergrund trat, und ich dachte, ich muss es jetzt noch einmal nachlesen. Das war ein starker Moment, der die ganzen Monate danach vorweggenommen hat. Ich habe das Gedicht gelesen, und mir kam der Gedanke, dass ich es mit meinen Nachbarn jeden Abend auf dem Balkon lesen könnte. Das war der Beginn.

Zwei Monate lang gab es diese allabendliche Lektüre, an der auch andere Protagonisten beteiligt waren. Wie können wir uns das vorstellen?

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Sonja Beißwenger liest "Pantherzeit" von Marica Bodrožić

Auszüge aus einem bislang unveröffentlichten Text. Die Folgen finden Sie nach der Ausstrahlung für 30 Tage auch hier. mehr

Bodrožić: Wir wohnen in einem großen Haus mit ungefähr hundert Leuten. Ich habe meine Nachbarn dazu eingeladen, und am Anfang, vor allen Dingen an den ersten zwei, drei, vier Abenden, haben wirklich viele mitgemacht - und am Ende bin ich alleine mit meinem Mann gewesen. Das war ein merkwürdiges Gefühl. Mein Mann fragte mich, ob ich das bis zum Ende durchziehen wolle. In dem Moment habe ich mich gefragt, was wohl das Ende sein wird - bis ich das Gefühl habe, dass sich etwas verändert hat. Das ging zwei Monate lang: Ich bin jeden Abend auf den Balkon getreten und habe dieses Gedicht vorgetragen. Das ist ja immer so: Einer muss den langen Atem haben und etwas durchschreiten. In dem Fall habe ich das gemacht, weil es mein Gedanke war - und dem konnte ich auch treu bleiben.

"Vom Innenmaß der Dinge" lautet der Untertitel Ihres Buches. Im Pressetext heißt es, dass Sie den Eingang in Ihre "innere Burg" gefunden hätten. Welche Weiten haben Sie da entdeckt?

Bodrožić: Die innere Burg ist nach Teresa von Ávila die menschliche Seele, die sie sich in verschiedenen Zimmern vorgestellt hat. So kam es, dass ich diese Zimmer schreibend abgeklopft habe: das Zimmer der äußeren Welt, das Zimmer der Schmerzen - ich hatte und habe immer noch sehr starke Handschmerzen -, das Zimmer der Biografie, das Zimmer der inneren und der äußeren Zeit, die Welt der Ökonomie, des Kapitals, der eigenen Verfasstheit. Im Grunde genommen war diese Zeit im Ersten Lockdown ein ganz großer Spiegel, ein Brennglas, in dem sich mir vieles in der Außenwelt, aber vor allem auch in meiner Innenwelt gezeigt hat.

Gebürtig kommen Sie aus Kroatien und leben heute in Berlin. Sie hatten verschiedene längere und kürzere Stationen, unter anderem im Taunus, in den USA, in Paris und in Zürich. Wie war das für Sie, "eingesperrt" zu sein?

Bodrožić: Das war für mich selbst, für mein eigenes Leben und für das, was ich im Buch beschreibe, sehr außerordentlich. Denn zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich mich nicht bewegen - und meine Bewegungen waren sehr groß. Plötzlich so zurückgeworfen zu werden auf das innere Leben, auf die Wohnung, auf ganz kleine Bewegungen - das hat sehr viel mit mir gemacht. Ich habe immer wieder beim Schreiben und beim Lesen des Gedichtes gedacht, dass es ein bisschen so ist wie früher, wenn die Menschen ins Kloster gegangen sind und gesagt haben, dass die Berührung mit der äußeren Welt nur über innen möglich ist. Aber das war bei mir und bei uns allen erzwungen. Dadurch hat sich im inneren Leben sehr viel zeigen können, in dieser Art Gefängnis, wie es auch der Panther erlebt: Durch die Gitterstäbe auf die Welt hinauszusehen, macht die Welt sehr klar und deutlich. Aber es verdeutlicht auch das, was kostbar ist, wofür ich dankbar bin. Überhaupt habe ich plötzlich entdeckt, dankbar sein zu können - das war eine große Erfahrung in diesem inneren Sein im ersten Lockdown. Der Frühling ruft uns ja nach draußen, und dieser Widerstand, in die Welt zu wollen, aber nicht zu können - das hat mich sehr tief ins Seelische gebracht. Ich konnte ganz anders darüber schreiben und nachdenken, auch in dieser Direktheit, dass ich mich entschieden habe, "ich" zu sagen.

Die Lesung haben wir bewusst in diese stillen, eher nachdenklichen Tage zum Jahreswechsel gesetzt. Zufälligerweise fällt die Veröffentlichung in die Zeit eines zweiten Lockdowns. Wie erleben Sie diesen Umstand?

Bodrožić: Es ist eine andere Erfahrung. Der Winter fordert uns ja anders heraus; es ist die Vertiefung der Dunkelheit. Ich schreibe in meinem Text auch sehr viel über den Abgrund, der in uns selbst ist. Die Schatten, die in uns arbeiten, sind ja auch dunkel - und der Winter verstärkt das: Er fordert auch mich noch einmal heraus, denn es ist nicht mehr so einladend, nach draußen zu gehen, man kann sich nicht mehr bewegen. Im Frühling haben wir es mit unglaublichen Bildern zu tun gehabt: Die Menschen sind nach draußen gegangen, haben Sport getrieben. Das ist jetzt alles anders. Wir müssen es schaffen, diesen längeren Atem in uns selbst zu aktivieren. Nach meiner Erfahrung kann man das nur in sich selbst - das kann man nicht von den anderen erwarten.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.12.2020 | 18:00 Uhr

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