Raubkunst-Bronzen aus dem Land Benin in Westafrika sind in einem Museum in einer Vitrine ausgestellt. © picture alliance/dpa Foto: Daniel Bockwoldt

Kolonialgeschichte: Was passiert mit den Benin-Bronzen?

Stand: 09.07.2021 17:56 Uhr

Die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte ist dringend. Exemplarisch für die Rückgabe von kolonialem Raubgut stehen die Benin-Bronzen. Gerade war deshalb eine Delegation aus Nigeria in Berlin. Was ist dabei herausgekommen? Fragen an die Kulturredakteurin Barbara Wiegand vom rbb.

Raubkunst-Bronzen aus dem Land Benin in Westafrika sind in einem Museum in einer Vitrine ausgestellt. © picture alliance/dpa Foto: Daniel Bockwoldt
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Frau Wiegand, zwei Tage war die nigerianische Delegation zu Gast in Berlin - ein nicht öffentliches Treffen. Trotzdem konnten Sie in Hintergrundgesprächen und Interviews ein Feedback einholen. Ist man bei den Gesprächen vorangekommen? Wie war die Stimmung?

Barbara Wiegand: Die Stimmung war recht gut. Bundesaußenminister Maas hatte von einem "Schwung" gesprochen, den dieses Treffen der Sache verliehen habe. Das war ja ein Gegenbesuch - im Mai waren Regierungsleute und Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes in Nigeria zu Gast, um diesen Prozess der Rückgabe in Gang zu bringen. Die Delegation ist recht hochkarätig besetzt gewesen mit dem Kulturminister Nigerias, mit Mitgliedern des Königshofes von Benin City und mit zahlreichen Museumsleuten. Daran sieht man durchaus die Ernsthaftigkeit, mit der das Ganze betrieben wird.

Was dann aber genau zurückgeht, wurde noch nicht näher beschrieben. Irgendwann aber muss die Sache auf den Tisch. Hat sich da zumindest etwas angedeutet?

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Drei Raubkunst-Bronzen aus dem Land Benin in Westafrika sind im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) in einer Vitrine ausgestellt. © picture alliance/dpa Foto: Daniel Bockwoldt

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Wiegand: Die Koffer werden noch nicht gepackt. Es ist auch noch nicht klar, was als erstes geht, wie viel letztendlich nach Nigeria zurückgeht und was vielleicht als Leihgabe hier bleibt. Das wird sich erst in den kommenden Monaten genauer herauskristallisieren. 2022 will man mit ersten Rückgaben anfangen, und im Herbst soll eine genauere Roadmap stehen.

Konkreter war, dass die Delegation die Pläne für ein das Edo Museum of West African Art im Gepäck hatte, das in ein paar Jahren fertig sein soll. Vorher soll auch ein Pavillon errichtet werden, der schon im kommenden Jahr beendet werden soll. Geplant ist ein 500 Quadratmeter großes Gebäude, wo es Vermittlung, Forschung und Ausstellungen von ersten Rückgaben geben soll.

In Deutschland, in Europa wurde ja vielfach damit argumentiert, Afrika habe keine geeigneten Aufbewahrungsmöglichkeiten für solch kostbare Kunst wie zum Beispiel die Benin-Bronzen. Was soll in diesem neuen Museum künftig ausgestellt werden?

Wiegand: Die Benin-Bronzen und andere Stücke, die nicht aus Bronze gefertigt sind, sollen auf jeden Fall dort gezeigt werden. Es geht aber auch um archäologische Grabungen, die dort finanziert werden, zum Teil auch durch die Bundesrepublik Deutschland. Man will so ein bisschen das kulturelle Erbe aufarbeiten. Die Selbstidentifiizierung ist eine große Lücke in der Geschichte Nigerias - das soll dort auch geschehen. Es soll aber auch ein Austausch stattfinden, Kooperationen mit westlichen Museen. Man kann sich in Zukunft auch vorstellen, dass auch mal Wechselausstellungen stattfinden, dass man dort auch andere Objekte jenseits der Benin-Bronzen für Ausstellungen hinbringt und im Gegenzug vielleicht wieder als Leihgaben aus Benin zurückbekommt.

Auch im Berliner Humboldt-Forum sollen künftig Objekte ausgestellt werden. Werden das dann Leihgaben sein, Kopien? Wird Nigeria bestimmen, wie das zu laufen hat?

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Ein Fragezeichen steht auf dem Anhänger eines Koffers in blauer Anmutung. © Colourbox Foto: -

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Wiegand: Die Haltung zu Deutschland ist eine andere geworden. Früher gab es von westlicher Seite immer die Zweifel, wo man das in Nigeria unterbringen will. Die Nigerianer haben das als anmaßend empfunden. Diese Zweifel sind jetzt erstmal vom Tisch. Im föderalen Staat Nigeria gibt es aktuell viele Konflikte, und es ist schwierig, Ansprechpartner zu finden. Aber die haben sich jetzt zusammengetan, und es wurde eine Stiftung gegründet, die sich um die Wiedererlangung dieses kulturellen Erbes kümmert. Insofern ist das jetzt ein Dialog auf Augenhöhe. Es wird nicht so laufen, dass die deutschen - oder andere - Museen bestimmen, was man abgibt und was man behält. Nichtsdestotrotz ist die Hoffnung von Hermann Parzinger groß, dass im Humboldt-Forum keine große Leerstellen entstehen und dass dort sehr wohl auch Leihgaben verbleiben können. Auch wenn er gesagt hat, dass es sein kann, dass alles zurückgeht. Da ist man offen. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt, und die ist auch berechtigt, denn es gab von nigerianischer Seite immer wieder die Aussagen, dass einige Benin-Bronzen als Botschafter der nigerianischen Kultur im Ausland verbleiben sollen.

2022 soll mit den Rückgaben gestartet werden. Wie ist der konkrete Zeitplan?

Wiegand: So konkret ist dieser Zeitplan noch nicht. Es wird im August noch mal eine Delegation geben, allerdings ohne Kulturinstitutionen, wo ein Austausch zwischen Auswärtigem Amt und anderen Personen stattfinden wird. Im Herbst wird es eventuell noch weitere Besuche oder Gespräche geben. Dann soll konkret festgemacht werden, was als erstes geht und wann. Man darf nicht vergessen, dass das ein Prozess ist, dahinter stehen Entscheidungen. Hier in Berlin ist es die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die über rund 530 Objekte zu befinden hat, so sie denn restituiert werden sollen. Das ist auch ein rechtlicher Prozess. Das ist Ländersache der Politik für das jeweilige Museum, und da muss das auch vertraglich in trockene Tücher gepackt werden. Das Ganze hat an Fahrt aufgenommen, und ich halte das auch nicht mehr für reversibel, aber man muss zu seinem Wort stehen, damit es im kommenden Jahr losgeht.

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NDR Kultur | Journal | 09.07.2021 | 18:00 Uhr

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