Stand: 26.08.2020 18:42 Uhr

"Selbstdarstellung, die realer Verbundenheit Hohn spottet"

Am Montag haben die Delegierten beim Parteitag der Republikaner in den USA erwartungsgemäß den amtierenden Präsidenten auch zum Kandidaten für die Wahl zum nächsten gewählt: Donald Trump. Morgen wird seine Antrittsrede erwartet. Die Wahl ist einerseits wenig überraschend - andererseites sehr. Denn von außen betrachtet fragt man sich doch sehr, wie dieser Mann mit diesem Charakter je Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden, sich vier Jahre im Amt halten und Kandidat für eine zweite Amtszeit werden konnte. Ausgerechnet ein Roman, also vermeintliche Fiktion, verspricht da jetzt Antwort - der neue Roman von Ilija Trojanow nämlich, "Doppelte Spur".

Herr Trojanow, in welcher Gestalt tritt uns Donald Trump in Ihrem Roman entgegen? Was legen Sie dem amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten zur Last?

Ilija Trojanow © imago/gezett
Der deutsche Autor Ilija Trojanow wurde 1965 in Sofia geboren.

Ilija Trojanow: Er legt sich selber ganz viel zur Last. Ich muss da gar nicht nachhelfen. Er heißt ja "Schiefer Turm", und ich finde das ist eigentlich die beste Bezeichnung. Seit ich zurückdenken kann, warten die Leute darauf, dass er stolpert. Er stolpert auch immer wieder schwer: Vier Bankrotterklärungen und unglaublich viele Skandale. Mehr, glaube ich, als alle anderen Politiker zusammengenommen. Er ist eigentlich kein Politiker und trotzdem fällt er nicht. Das ist Teil der Faszination. Eine Faszination, dass wir unsere Maßstäbe verschoben haben. Wenn wir bei dem Bild der Architektur bleiben: Wir haben eigentlich keine rechten Winkel mehr, sondern nur noch schiefe Winkel, die aber behaupten, rechte Winkel zu sein. Das heißt, wir haben inzwischen einen Diskurs, eine Inszenierung, eine Selbstdarstellung, die jeglicher realer Verbundenheit Hohn spottet. Das hat mich sehr inspiriert, darüber einen Roman zu schreiben.

Gleich auf den ersten Seiten findet sich der für den Roman fast programmatische Satz "Die Mafia ist nicht Teil des Staates, sondern der Staat ist Teil der Mafia". Das klingt thrillerhaft. Ist das auch so gemeint?

Trojanow: Bezogen auf Russland ja, aber nicht in Bezug auf die USA. Ich habe schon in den 90er-Jahren in Bulgarien, einem typischen postkommunistischen Land, recherchiert, dass die Netzwerke der ehemaligen Geheimdienstleute diese Wirtschaften wie Feudalherren völlig dominieren. Stichwort Putin - ehemalige, hochrangige Mitglieder der kommunisitischen Elite, der sogenannten Nomenklatura, sind jetzt die neuen Geschäftsleute, die im Osten Business-Männer genannt werden, die sich dann zu Oligarchen gewandelt haben. Das Mafia-Prinzip ist das Wesentliche und der Staat ist eine Unterabteilung.

Im Roman sind es zwei Whistleblower, die ihr Wissen einem investigativen Journalisten namens "Ilija Trojanow" preisgeben. Darunter Geheimnisse über Russland und die USA. So kommt es dann, dass der "Schiefe Turm" und Putin dort zur Sprache kommen und verglichen werden. Ist das ausgedacht?

Trojanow: Leider gar nicht, denn ich habe mir überlegt: Wenn wir in Zeiten leben, in denen sich jeder etwas ausdenkt und jeder sein eigenes, selbtgefälliges Narrativ vor sich herträgt, dann muss eigentlich der Romanautor zurück zu den Fakten gehen. Die Fakten sind ganz eindeutig: dass es inzwischen jahrzehntelange Verbindungen zwischen russischem Oligarchen-Geld und Donald Trump gibt. Und wenn man da ein bisschen genauer hinguckt und sich vor allem auch auskennt, wie diese Gesellschaften, die russische, die anderen osteuropäischen, in den Jahren bis 1989 und danach funktioniert haben, dann sieht man ganz eindeutig, dass er jemand war, den sie ausgenutzt haben. Vor allem zur Geldwäsche, um einerseits natürlich die Gelder im Ausland zu sichern und sich andererseits global als Big Player zu etablieren. Er war da ein bisschen Steigbügelhalter. Inwieweit er das alles selbt durchschaut hat oder nicht ist eine andere Frage.

Weitere Informationen
Cover des Buchs "Doppelte Spur" von Ilija Trojanow © S. Fischer

"Doppelte Spur": Ilija Trojanow in der Welt der Leaks

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Woher nehmen Sie dieses Wissen? Sie sind ja nun kein Investigativjournalist, sondern Schriftsteller?

Trojanow: Das war Teil der Aufgabe, die ich mir gestellt habe: herauszufinden, was ein halbwegs recherchegeübter Bürger herausfinden kann. Und siehe da: Es ist vieles doch im Internet, in Büchern, in Gesprächen herauszufinden. Nur, das Entscheidende ist, und deswegen kann es nur ein Roman sein, wie man diese desperaten Details zusammenfügt.

Sie verbinden Fakten mit Fiktion. Auch Trump und seine ganze Administration sind für genau diese schräge Verbindung bekannt und wenn man das gut genug miteinander verbindet, dann wirkt am Ende auf einmal alles wahr. Auch Sie setzen Ihrem Roman das Motto voraus "Alles in diesem Roman ist wahr oder wahrscheinlich". Wo verläuft die Grenze?

Trojanow: Das Entscheidende ist, dass ich damit die Lesenden auffordere, selber den Autor zu überprüfen, den Roman zu überprüfen und selber zu recherchieren. Und das scheint zu funktionieren. Das haben mir schon einige Leserstimmen bestätigt. Das andere ist, dass es ein Leitmotiv im ganzen Buch gibt. Die Großmutter der Hauptfigur war Wahrsagerin, und die Hauptfigur selber entwickelt so etwas wie das zweite Gesicht. Da spiele ich natürlich auf das andere große Thema unserer Gegenwart und des Romans an, die sogenannten Verschwörungstheorien. Wenn manche Bereiche also völlig undurchsichtig bleiben, inwieweit ersetzt dann so etwas wie Spekulation, wie das visionäre Denken, die Ansprüche einer aufklärerischen Praxis? Das ist im Moment vor allem im Internet, in den sozialen Medien extrem weit verbreitet.

Am Ende würde ich jetzt gern noch einmal ihre schriftstellerische Phantasie bemühen: Donald Trump hat bereits durchblicken lassen, dass er im Fall einer Niederlage bei den Wahlen im November nicht widerstandslos das Feld räumen werde. Was trauen Sie ihm und seiner Gefolgschaft zu?

Trojanow: Ich kann Sie beruhigen, man muss überhaupt kein Wahrsager sein, um ziemlich genau vorherzusagen, was passieren wird. Hillary Clinton hat das gestern auch schon in einer Aussage skizziert. Er werden mit Sicherheit nicht alle Stimmen ausgezählt werden können - aufgrund der pragmatischen Konfusion der Briefwahl, aufgrund aller möglicher Vermutungen, wer sich einmischt, wer vielleicht manipuliert, was es vielleicht für Hackerangriffe gibt. Da wird es genug Anhaltspunkte geben, den Wahlausgang erstmal infrage zu stellen. Es wird mit Sicherheit einen langgezogenen Prozess der tatsächlichen juristischen Gefechte, wie auch der Scheingefechte, in der Öffentlichkeit geben, und das wird sich wahrscheinlich bis zum Januar hinziehen. Falls er sich tatsächlich weigert, wird es nicht von ihm abhängen, sondern von der Stärke des Republikanischen Establishments, ob sie tatsächlich bereit sind, einen Verfassungskonflikt heraufzubeschwören oder ob sie ihn letztendlich opfern. Die Frage wird dann wirklich sein, auf welche Seite sich die Institutionen schlagen. Denn man könnte ihn natürlich leicht am 20. Januar unter Militärschutz aus dem Weißen Haus entfernen.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.08.2020 | 19:00 Uhr

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