Friedrich Dürrenmatt © picture alliance/KEYSTONE

Friedrich Dürrenmatt: Autor mit "unerschöpflicher Kreativität"

Stand: 05.01.2021 08:00 Uhr

Vor 100 Jahren wurde der Theater-, Hörspiel- und Prosaautor Friedrich Dürrenmatt geboren. Seine Stücke und seine Romane sind Meilensteine der Literaturgeschichte.

Ulrich Weber hat im vergangenen Jahr eine mehr als 700-seitige Biografie über den Großmeister veröffentlicht.

Herr Weber, am 5. Januar 1921 wurde Friedrich Dürrenmatt als Sohn des Pfarrers Reinhold Dürrenmatt geboren. War Friedrich Dürrenmatt ein gläubiger Mensch, und kommt daher auch sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn?

Ulrich Weber: Das ist eine wichtige Frage, weil er gläubig war und zugleich eigentlich alles andere. Schon als Kind hat er gegen die Glaubenswelt seiner Eltern rebelliert. Auch während seiner Studienzeit in den 40er-Jahren, während des Zweiten Weltkriegs, brachte er diesen erbaulichen Glauben überhaupt nicht mit dem zusammen, was er über den Zweiten Weltkrieg hörte, der um die Schweiz herum tobte. Er hat sich immer mehr vom protestantischen Glauben distanziert. Am Schluss seines Lebens hat er sich als Atheisten bezeichnet. Aber was geblieben ist, waren die inneren Werte des Christentums, die ihn immer begleitet haben, und auch die Motive, die er immer wieder aus der Bibel aufgriff.

Steckte dieses Ketzerische auch schon in seinem Theaterdebüt "Es steht geschrieben" über die mittelalterlichen Wiedertäufer in Münster?

Weber: Ja, das ist bereits sehr präsent. Es ist ja ein historischer Stoff, aber mit klarem Bezug auf das Geschehen in Nazi-Deutschland: die Verführung durch einen Demagogen und wohin man sich da mitreißen lässt. Das hat ihn beschäftigt.

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Mit seinem ersten Drama ist er von Max Frisch entdeckt worden. Das waren später die beiden großen Figuren der Schweizer Literatur. Aber sie waren sich über all die Jahrzehnte nicht unbedingt freundschaftlich verbunden - warum eigentlich?

Weber: Frisch war zehn Jahre älterer als Dürrenmatt - sie sind aber Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre fast gleichzeitig weltberühmt geworden. Sie haben sehr intensiv zusammen diskutiert und einander kritisiert, auch in einem positiven Sinne. Das hat sie sehr angeregt, aber das war auch immer schwierig, weil diese Arbeitsfreundschaft, wie sie es bezeichneten, zugleich in der Öffentlichkeit stattfand und jedes Wort, das der eine über den anderen sagte, diesem früher oder später zugetragen wurde. Beide waren relativ empfindlich und ehrgeizig, und so wurde diese Freundschaft zunehmend zur Konkurrenz. Und dann haben sie sich "auseinanderbefreundet", wie das Dürrenmatt einmal formuliert hat. In den späten Jahren haben sie sich dann kaum mehr gesehen. Sie haben immer wieder mal Versuche gemacht, sich doch wieder zu versöhnen und anzunähern, aber das war am Schluss nicht mehr möglich.

Dürrenmatts Kriminalromane wie "Der Richter und sein Henker", "Der Verdacht", "Die Panne" oder "Das Versprechen" trafen in den 1950er-Jahren den Nerv der Zeit. Warum waren die dermaßen erfolgreich?

Weber: Er hat brisante Themen zur Sprache gebracht. "Der Verdacht" spielt zwar in der Schweiz, aber es geht um die Nazi-Verbrechen. Der Bösewicht ist ein Arzt, der Emmenberger heißt, also quasi aus der engsten Heimat von Dürrenmatt stammt, dem Emmental. Dieser Arzt ist während der Nazizeit nach Deutschland gegangen und hat seine Operationen, die zugleich auch Folter waren, in einem KZ gemacht. Er kehrt dann in die Schweiz zurück und führt ein erfolgreiches, edles Privatkrankenhaus in Zürich. Diese Aktualität, diese Brisanz der Themen, zusammen mit einer großen Erzählkunst, einem ganz eigenen Ton und einem humoristischen Unterton, auch bei den gravierendsten Themen - das ist das, was diese Romane so populär gemacht hat.

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Als Bühnenautor war Dürrenmatt ein Apologet der Dramentheorie von Bertolt Brecht. Er hat sie nicht einfach nur nachgebetet, sondern er hat sie sich anverwandelt, hat sie nutzbar gemacht. Inwiefern? Was war dieser Verfremdungseffekt?

Weber: Ich denke, das war das zeitgenössische Theater. Natürlich war Brecht die große Vaterfigur der aktuellen deutschsprachigen Dramatiker. Man darf aber nicht unterschätzen, dass auch andere Dramatiker für Dürrenmatt wichtig waren: etwa Thornton Wilder, der auf eigene Art eine Episierung des Dramas gemacht hat, oder der französische Dramatiker Paul Claudel, der vor allem das erste Stück von Dürrenmatt sehr stark geprägt hat. Dürrenmatt war nie Kommunist und hat Brechts Weltanschauung nicht geteilt, aber was ihm an Brecht eingeleuchtet hat, war das Verfahren, dass das Theater eine Distanz herstellt und nicht die Leute direkt reinzieht, sondern mit Verfremdungseffekten immer wieder ins Bewusstsein rückt, dass da gespielt wird. Das hat ihn überzeugt, und das hat er auch angewandt, dass man in der ganzen Unterhaltung auch ein analytisches Verhältnis zum dargestellten Stoff behält oder immer wieder gewinnt.

Dürrenmatt hat mal selber sinngemäß über sich gesagt: In meinem Leben ist eigentlich gar nicht so viel passiert. Ich habe mir das meiste ausdenken oder anverwandeln müssen. Als sein Biograf haben Sie sehr genau auf sein Leben geschaut: Kokettierte er da ein bisschen?

Weber: Nein. Es ist in der Tat so, dass er ein typisch schweizerisches Leben geführt hat, verschont vom Zweiten Weltkrieg und sein ganzes Leben lang in der Schweiz sesshaft. Er hat Reisen meistens im Zusammenhang mit Aufführungen seiner Stücke unternommen. Er war zwei Mal verheiratet. Es war wenig spektakulär - da passierte in der Tat nicht so viel.

Zugleich hat er sein Leben als permanentes inneres, geistiges Drama erlebt. Dort ist auch das Interesse eines Biografen, zu zeigen, wie er da immer wieder Wandlungen in Krisensituationen erlebt und eine unerschöpfliche Kreativität an den Tag legt. Wenn man auf die erfolgreichen Texte von Dürrenmatt schaut, dann vergisst man, dass das nur ein geringer Teil seiner unermüdlichen Produktivität war, die sich auch in einem reichen Bildwerk manifestiert hat. Er hat Erzählungen, Essays, Vorträge und autobiografische Texte geschrieben. In diesem kreativen Lebensprozess liegt eine große Substanz und eine große Spannung.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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NDR Kultur | Journal | 05.01.2021 | 18:00 Uhr

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