Die Intendantin Dagmar Schlingmann vom Staatstheater Braunschweig sitzt lächelnd vor Gemälden © NDR Foto: Janek Wiechers

"Die Zukunft so hell" am Staatstheater Braunschweig

Stand: 23.12.2020 15:14 Uhr

"Die Zukunft so hell" - so lautet das Motto des Staatstheaters Braunschweig für die aktuelle Spielzeit. Ein Gespräch mit der Generalintendantin Dagmar Schlingmann über diese Zukunft - und über das unberechenbare Jahr 2020.

Die Intendantin Dagmar Schlingmann vom Staatstheater Braunschweig sitzt lächelnd vor Gemälden © NDR Foto: Janek Wiechers
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Frau Schlingmann, hell die Zukunft - neblig die Vergangenheit? Oder wie würden Sie das Jahr 2020 für sich und Ihr Haus zusammenfassen wollen?

Dagmar Schlingmann: Dieses Motto ist durchaus ambivalent gemeint. Die Zukunft könnte hell sein - das hoffen wir natürlich alle. Das heißt nicht, dass die Vergangenheit dunkel war. Das Spielzeit-Motto wurde vor Corona gewählt, und da gab es viele Themen, die auch in unserem ursprünglichen Spielplan einen Widerhall gefunden hätten. Wir sind schon der Meinung, dass sehr viele Themen im Moment sehr virulent sind: Klimawandel, Rechtsruck der Gesellschaft und so weiter - und deswegen haben wir dieses Motto auch ein bisschen trotzig gewählt: Wir können die Welt mitgestalten, und deswegen versuchen wir, alles in eine gute Richtung zu lenken. Und dann kam Corona - und ich finde, dieser Spruch gilt jetzt mehr denn je.

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Ein immenser Mehraufwand entsteht vor allem durch die anhaltende Planungsunsicherheit: Laura Berman, Intendantin der Staatsoper Hannover, sagte, das Auf und Ab sei am anstrengendsten. Was waren für Sie die größten Herausforderungen?

Schlingmann: Es ist tatsächlich so, dass diese Planungsunsicherheit uns zu schaffen macht, weil wir normalerweise anderthalb bis zwei Jahre im Vorhinein planen. Jetzt müssen wir unheimlich flexibel sein und uns jeweils der gegebenen Situation anpassen. Oder neue Sachen kreieren, die gar nicht vorgesehen waren. Ich finde, dass wir bisher ziemlich gut durch diese Krise gekommen sind. Ich glaube, dass wir viele Entscheidungen richtig getroffen haben, obwohl wir in dem Moment, als wir sie treffen mussten, gar nicht wussten, ob das richtig ist oder nicht. Da haben wir auch ein bisschen Glück gehabt. Wir mussten nicht viel absagen und konnten vieles umschichten.

Aber im Moment ist es schlimmer denn je, denn jetzt wissen wir gar nichts. Können wir im Februar spielen, im März, im April? Wie lange werden diese Abstandsregeln noch gelten? Im Moment finde ich es noch herausfordernder als letzten März, als der erste Lockdown kam.

Sie haben einen offenen Brief an den niedersächsischen Ministerpräsidenten Weil und die Minister Thümler und Tonne unterzeichnet, in dem Sie so etwas wie einen Schulterschluss mit der Bildung fordern. Was könnte die Politik machen, damit in der Kulturbranche ein bisschen mehr Klarheit herrscht?

Schlingmann: Ich mache der Politik überhaupt keine Vorwürfe, weil ich es richtig finde, dass man im Moment alles versucht, um diese Zahlen in den Griff zu bekommen. Es geht darum, dass man perspektivisch denken muss, und es wäre gut, wenn man ein Konzept entwickelt, wie man den Betrieb wieder hochfahren kann. Wir haben ja Hygienekonzepte, die sehr gut sind. Im Moment sehe ich das total ein, der Lockdown ist richtig - aber in dem offenen Brief ging es um ein Konzept, um insbesondere Kindern und Jugendlichen die Teilhabe an Kultur wieder zu ermöglichen. Wir sind der Meinung, dass Theater in der Zukunft eine wichtige Rolle übernehmen können, um das gesellschaftliche Miteinander wieder zu pflegen und wieder in Kontakt zu kommen. Wir müssen uns jetzt Gedanken machen, wie das gesellschaftliche Leben nach der Krise wieder aufgenommen wird.

Gibt es auch etwas, das die Pandemie vorangetrieben hat? Zum Beispiel, weil sie Missstände aufgezeigt hat, oder weil sie uns gezwungen hat, neue Wege einzuschlagen?

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Schlingmann: Ja, natürlich. Sie hat die Digitalisierung vorangetrieben. Auch wir haben jetzt mit neuen Technologien gearbeitet und haben uns überlegt, was man tun kann, um doch die Menschen zu erreichen. Wir hatten auch die schöne Aktion "Wir kommen zu Ihnen", wo wir in alle Bereiche der Stadt eingeladen wurden, die wir sonst niemals kennengelernt hätten.

Ich glaube, dass es aber auch Sachen gibt, die sich durch Corona noch verstärken. Zum Beispiel die ohnehin schon fortschreitende Isolierung der einzelnen Menschen, weil sie den ganzen Tag vor dem Computer sitzen. Da wird analoges Theater wieder sehr wichtig.

Es war eine Zeit, die einen gezwungen hat, vieles zu hinterfragen und über viele Dinge nachzudenken. Ich glaube, dass wir das in meinem Theater sehr gut genutzt haben, weil wir jetzt anfangen, so eine Art Zukunftswerkstatt zu machen. Wir beschäftigen uns ganz stark mit unseren Zielen, mit unseren Plänen für die kommenden Jahre. Wir setzen uns auch mit unseren Strukturen auseinander. Das sind Prozesse, die oft im Alltagsgeschäft ein bisschen untergehen.

Da passt das Motto Ihres Theaters ganz gut: "Die Zukunft so hell". Wo sehen Sie Lichtblicke für das kommende Jahr?

Schlingmann: Wir haben schöne Produktionen, die wir so gerne zeigen würden. Viele Besucherinnen und Besucher des Theaters geben uns viel positives Feedback - offenbar vermisst man uns also. Das finde ich eine ganz schöne Erfahrung. Es ist offenbar so, dass die Menschen ein ganz großes Bedürfnis nach dem Austausch haben, nach Theater, nach Kultur. Sie vermissen das unheimlich. In der kurzen Zeit, wo wir gespielt haben, haben wir durchaus sehr anspruchsvolle Projekte realisiert, und ich habe gemerkt, dass die Menschen bereit waren, sich auf diese Projekte einzulassen.

Wir haben auch mit den Hygienekonzepten arbeiten müssen, aber es war immer unser Ehrgeiz, dass wir das nicht als Entschuldigung anwenden, um "B-Ware" anzubieten, sondern wir haben versucht, daraus doch noch einen besonderen Moment zu machen. Das sind Projekte, die vielleicht normalerweise ein bisschen untergehen, die aber jetzt unglaublich wahrgenommen wurden. Es war eine ganz große Bereitschaft festzustellen, sich auch mit neuen Formaten auseinanderzusetzen. Das war eine sehr schöne Erfahrung. Wenn das so weitergeht, wenn wir wieder spielen können, ist das eine sehr gute Sache für die Theater.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.12.2020 | 18:00 Uhr

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