Stand: 24.08.2020 19:34 Uhr

"Die Wahrheit und die Kraft sind auf unserer Seite"

"We don’t give up" - "Wir werden nicht aufgeben", sagt Vitali Alekseenok. Der 1991 in Belarus geborene und dann zunächst in Sankt Petersburg, später in Weimar ausgebildete Dirigent - derzeit ist er Leiter des Abaco-Orchesters der Universität München - befindet sich momentan in Minsk. Er ist dort Teil der Demokratiebewegung, die seit gut zwei Wochen gegen den langjährigen Machthaber Alexander Lukaschenko nach einem angeblichen Wahlbetrug auf die Straße geht.

Herr Alekseenok, heute ist eine ganze Reihe von Oppositionellen festgenommen worden. Gleichzeitig ist es zu einem Grenzkonflikt mit Litauen gekommen, weil von dort acht Luftballons nach Belarus geflogen sind. Droht die Lage gerade zu eskalieren?

Proteste Belarus © picture alliance / AA Foto: Marina Serebryakova
Die Proteste in Belarus halten an.

Vitali Alekseenok: Unser Präsident, oder unser ehemaliger Präsident, hat uns vor ein paar Tagen tatsächlich gedroht, dass die Maßnahmen heftiger werden, und wir sehen es mittlerweile auch: Am Wochenende gab es sehr starke Einschüchterungen und Drohungen, und heute wurden tatsächlich zwei wichtige Mitglieder des Koordinationsrates festgenommen. Die Geschichte mit den Luftballons finde ich eher lächerlich als seriös und gefährlich, weil es tatsächlich nur Luftballons waren, und über die Machtkanäle wurde es ganz anders verkauft. Es war nicht so ernst, wie es unsere Regierung verkauft hat.

Die Festgenommenen von heute Vormittag waren Mitglieder des Koordinierungsrates der Opposition, denn die ist koordinierungsbedürftig. Die Opposition ist keine homogene Bewegung. Wie sehr schwächt das diese sowieso heterogene Oppositionsbewegung, wenn jetzt zwei wichtige Köpfe festgenommen werden?

Alekseenok: Die Oppositionsbewegung ist sehr stark, aber wir haben keine Anführer - oder kaum Anführer. Die meisten sind schon im Gefängnis oder im Ausland, und der Koordinationsrat ist eigentlich die einzige Institution, die jetzt eine Art Anführung vornimmt. Die Philosophie dieses Rates ist: nur Machtübergabe, nur Gespräche mit der Regierung und keine andere Anführung außer kommunizieren. Natürlich ist es nicht gut und schwächt den Rat, dass zwei von sieben Mitgliedern im Präsidium festgenommen wurden. Wir wissen nicht, wie lange es dauert, was es bedeutet, weil vorher auch andere festgenommen wurden, die aber auch sehr schnell entlassen wurden. Vielleicht ist das jetzt wieder eine Strategie der Einschüchterung, vielleicht bedeutet es aber auch etwas Heftigeres.

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Menschen versammeln sich während eines Massenprotests auf einem Platz in Minsk in Belarus. © dpa bildfunk/AP Foto: Sergei Grits

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Sie sind Teil dieser Bewegung und beobachten sie auch sehr genau, kennen sie von innen heraus. Wie sehr lässt sich die Bewegung tatsächlich durch so etwas einschüchtern?

Alekseenok: In der letzten Woche konnten wir das sehr gut sehen: Noch am Montag, Dienstag waren die Proteste sehr stark, gerade nach dem Sonntag, eine Woche nach den Wahlen, als die Demonstration in Minsk war, die größte seit 1994. Zwei Tage später ist die Protestbewegung viel dünner geworden und wir dachten, die Protestwelle läuft aus. Es gab sogar ein wenig Apathie von der Opposition, von uns allen, aber gestern gab es wieder eine sehr große Demo und die war wahrscheinlich, wenn nicht größer, dann wenigstens nicht kleiner als die Demonstration eine Woche vorher. Das heißt: Wir bleiben konsequent, wir bereiten uns auf einen Marathon vor und nicht für eine Kurzlaufstrecke. Aber die Protestwelle bleibt. Es kommt ein paar Tage nichts, um die Kräfte wieder zu sammeln.

Die Bilder, die uns von der gestrigen Demonstration in Minsk erreicht haben sind beeindruckend. Es ist von zehntausenden, wenn nicht hunderttausend Teilnehmenden die Rede. Aber wie groß ist die Demokratiebewegung in Belarus wirklich? Angeblich waren es über 80 Prozent der Belarussen, die Lukaschenko bei der Wahl vor zwei Wochen gewählt haben.

Alekseenok: Wir können keine Zahlen wissen, dürfen wir quasi auch nicht. Aber ich würde behaupten, 80 Prozent der Bevölkerung in Belarus stehen für Demokratie.

Die EU hat in den vergangenen Tagen die Anerkennung des Wahlergebnisses verweigert. Reicht das?

Alekseenok: Nein, es reicht nicht. Es ist eine wichtige Maßnahme seitens der EU, aber ich glaube auch, dass nur wenige davor die Wahlergebnisse 2015 oder 2010 als demokratisch wahrgenommen haben. Aber es müssen eigentlich Taten folgen. Es ist sehr schwierig, vom Ausland aus etwas zu beeinflussen. Hier wird es umgedreht und als Spionage dargestellt. Aber man muss irgendwas machen, vor allem die Zivilbevölkerung unterstützen. Man muss alle diese Menschen, die es jetzt wagen, auf die Straße zu gehen, die jeden Tag mit Angst, Mut und anderen Gefühlen zu tun haben, die muss man geistig und finanziell und auf allen anderen Ebenen unterstützen. Das ist es, was die EU sehr gut machen könnte.

Wie könnte das aussehen, ohne dass es als eine Einmischung in innere Angelegenheiten verstanden würde und womöglich dann auch von der anderen Seite Hilfe von außen in Anspruch genommen werden könnte?

Alekseenok: Unterstützung von außen auf allen Ebenen: Zuschüsse, Stipendien, Arbeit mit den nicht staatlichen Strukturen, mit nicht staatlichen Organisationen, mit privaten Initiativen, Kontakte, Hilfe für die Belarussen, die eventuell fliehen müssen - Unterstützung der Bevölkerung auf allen möglichen Ebenen.

Wie viel Angst haben Sie oder steckt in der Demokratiebewegung, dass möglicherweise das Ganze blutig niedergeschlagen wird?

Alekseenok: Angst bleibt natürlich, und die Angst wächst proportional: Je weniger wir sind, desto mehr Angst haben diejenigen, die auf die Straße gehen. Aber wenn es so wie gestern oder vor einer Woche ist, dann ist die Angst plötzlich viel geringer, weil wir wissen: Wir sind so viele, und uns allen kann eigentlich nichts passieren. Es kann einzelnen Personen etwas passieren, aber die Wahrheit und die Kraft ist auf unserer Seite, und deswegen gibt es da natürlich auch weniger Angst.

 

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 24.08.2020 | 19:00 Uhr

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