Jörg-Uwe Neumann © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Foto: Jan Woitas

"Das Jahr 2020 hat mich ein bisschen an 1989/1990 erinnert"

Stand: 22.12.2020 17:27 Uhr

In der Kunsthalle Rostock hängen aktuell die Ölgemälde des Leipziger Künstlers Michael Triegel - doch das Haus ist Corona-bedingt geschlossen. Ein Rückblick auf das Jahr 2020 mit dem Leiter der Kunsthalle Rostock, Jörg-Uwe Neumann.

Jörg-Uwe Neumann © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Foto: Jan Woitas
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Herr Neumannn, wie war das Jahr 2020 für Sie?

Jörg-Uwe Neumann: Unvergleichbar, das muss man ganz klar sagen. Es hat mich so ein bisschen an 1989/1990 erinnert, an diese Ungewissheit, die man damals auch hatte. Man wusste nicht genau, was passiert, und ein bisschen ist das im Moment wieder so. Zum Anfang des Jahres war man noch anders eingestellt, aber jetzt ist für mich eine gewisse Verunsicherung durchaus da.

Spüren Sie das auch bei den Künstlerinnen und Künstlern, mit denen Sie zu tun haben? Sie haben gesagt, dass gerade die jetzt Unterstützung brauchen.

Neumann: Da muss man unterscheiden: Es gibt Künstler, die so gut am Markt sind, dass sie keine finanziellen Probleme haben, die sehr gut arbeiten können, die gute Atelier-Bedingungen haben, die sehr kreativ sind und bei denen in dieser Zeit ganz tolle Sachen entstehen. Aber die Masse der Künstler steht finanziell schwierig da und die braucht Unterstützung. Allen Künstlern ist gleich, dass sie Kunst für Menschen machen, und wenn das nicht wahrgenommen werden kann, ist das ein schwerer Schlag für sie. Unterstützung brauchen sie deswegen allemal.

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Sie und Ihre Frau waren selbst am Coronavirus erkrankt. Spüren Sie davon noch etwas?

Neumann: Jetzt ist alles wieder in Ordnung. Es ist wirklich eine Erkrankung, die man nicht braucht - aber welche Krankheit braucht man schon? Es ist anders als eine Influenza, wo man eine Woche krank ist und es einem dann meist besser geht. Bei Corona ist es so, dass jeden Tag etwas Neues kommt. Es ist auch eine große Angst da, dass eine Verschlechterung kommen kann. Ich habe eine große Abgeschlagenheit festgestellt und hatte leichte depressive Verstimmungen. Das ist ein Krankheitsverlauf, der ungewohnt und durchaus beängstigend ist.

Sie wurden für die Schau "Palast der Republik" im Herbst mit dem Kritikerpreis als "Ausstellung des Jahres 2019" geehrt. War das der wichtige Preis zur richtigen Zeit?

Neumann: Das war toll. Es war auch schön, dass wir in Essen den Preis persönlich entgegennehmen durften. Für das ganze Team war das eine unfassbare Wertschätzung der Arbeit. Wenn man es als mittelgroßes Haus schafft, deutschlandweit so wahrgenommen zu werden, dann macht uns das natürlich sehr stolz. Es war eine tolle Ausstellung, die im Sommer 2019 sehr viel Spaß gemacht hat. Sie hatte viele Facetten, von wunderbarer zeitgenössischer Kunst bis zum Interieur des Palastes. Das war das für mich ein sehr spannendes Thema und ich habe mich gefreut, dass das so funktioniert hat. Ganz anders als dieses Jahr: Wir hatten auch eine wunderbare Sommerausstellung geplant, die uns Corona-bedingt leider versagt war.

Wie reagiert man auf so etwas? Viele Museen gehen ins Netz, zeigen ihre Schauen digital. Ist das eine Option? Wie groß ist das Potenzial solch digitaler Ausstellungsräume?

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Neumann: Das wird sich zeigen, inwieweit wir Menschen Lust darauf haben. Bei Michael Triegel haben wir die Ausstellungseröffnung erstmalig online gemacht. Es war ganz spannend, mit dem Künstler und dem katholischen Erzbischof aus Hamburg, Herrn Hesse, die Ausstellung mit einem Gespräch über Gott und die Welt zu eröffnen. Das wurde gut wahrgenommen und ist immer noch bei uns auf der Internetseite zu sehen. Am gleichen Tag habe ich mit Michael Triegel eine Führung durch seine Ausstellung gemacht, die auch im Internet zu sehen ist. Aber das ersetzt nicht das Original. Bei Triegel, der altmeisterlich malt, haben die Bilder eine wunderbare Tiefe und Farbbrillanz. Das Schöne ist, das im Original zu sehen, und das fehlt natürlich.

Mich persönlich würde freuen, wenn es Regeln geben würde, dass Museen nicht immer als erstes zugemacht werden müssen und als letzte wieder aufmachen dürfen. Das sind eigentlich Orte, wo man sich relativ geschützt verhalten kann. Die Ausstellung ist bis Ostern geplant, und ich hoffe, dass wir doch noch ein paar Besucher hereinlassen dürfen.

Kurz nach dem zweiten Lockdown im November unterstützten Sie einen Brief an Ministerpräsidentin Manuela Schwesig - ein Hilferuf mit gewissen Forderungen. Wo sehen Sie als Leiter einer geschlossenen Kunsthalle dringenden Handlungsbedarf?

Neumann: Dass man ein bisschen mehr Planungssicherheit hat und dass es klarere Regeln gibt. Ich beneide keinen Politiker, denn ich glaube, dass es im Moment relativ schwierig ist zu agieren, weil es ein dynamisches System ist, auf das sie sich einstellen müssen und man keinen Erfahrungsspielraum hat. Wir sind eine städtische Einrichtung mit Landesförderung und wir haben große wirtschaftliche Probleme - aber es gibt komplett freie Einrichtungen, die es wirtschaftlich noch schwerer trifft. Insofern ist die Unterstützung schon wichtig.

Das Interview führte Andrea Schwyzer

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NDR Kultur | Journal | 22.12.2020 | 18:00 Uhr

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