Nike Wagner © picture alliance/dpa

Nike Wagner: "Beethoven braucht uns nicht, aber wir brauchen ihn"

Stand: 17.12.2020 08:46 Uhr

Vor 250 Jahren, am 17. Dezember 1770, wurde Ludwig van Beethoven in Bonn getauft, geboren wurde er wohl zwei Tage vorher. Viele Veranstaltungen im Jubiläumsjahr mussten allerdings abgesagt werden.

Auch das Bonner Beethovenfest fiel 2020 wegen der Corona-Pandemie aus. Ein Gespräch mit der Intendantin Nike Wagner.

Frau Wagner, wie oft hat es Ihnen in den vergangenen Monaten das Herz gebrochen, dass ausgerechnet in diesem großen Jubiläumsjahr kaum ein Takt Beethoven zu Gehör gebracht werden konnte?

Nike Wagner: Das Herz ist sehr schnell gebrochen, und zwar Anfang März. Für März hatten wir ein wunderschönes zehntägiges Beethovenfest konzipiert und für Dezember ein zweites. Das März-Festival war fertig, die Verträge und die Karten waren gedruckt, und dann musste es sehr kurzfristig abgesagt werden. Auch gebrochene Herzen gewöhnen sich an diesen Zustand, aber das Bedauern wuchs eigentlich das ganze Jahr über. Und zwar nicht nur, weil mein Festival abgesagt worden ist, sondern irgendwann tat einem die ganze Kulturbranche leid, weil alles gestrichen werden musste.

Ich denke, Beethoven hat das gut überlebt. Bei uns ist jedes Jahr Beethoven-Jahr. Und der "Großmogul", wie ihn Haydn genannt hat, braucht uns nicht, aber wir brauchen ihn.

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Wenn man in die Repertoires der großen Orchester oder der Ensembles schaut, ist Beethoven omnipräsent. Warum hat er im großen Komponistenkosmos diese Sonderstellung?

Wagner: Ein Vierteljahrtausend - einen solchen Geburtstag zu haben ist schon mal nicht schlecht. Ich finde auch die Zahl 250 charmanter als 500, oder origineller als 200. Von daher gefiel mir das Beethoven-Jahr eigentlich ganz gut. Noch in den 70er-Jahren musste der Titan Beethoven vom Sockel geholt werden. Denken Sie an Mauricio Kagel, der das exemplarisch getan hat. Das ist heute nicht mehr so. Ich beobachte immer voller Erstaunen die Bemühungen aller meiner Veranstalterkollegen: Es geht mit Beethoven fortwährend darum, dass alle an Beethoven partizipieren sollen - durch Eigenverwendung Beethovens, durch Popularisierung, durch Überschreibung, durch Aneignung. Das ist so komisch, und das ist anders als vor 50 Jahren. Also ein bisschen Beethoven für alle - ob einem das gefällt oder nicht. Beethoven hält das schon aus.

Würde Beethoven auch den Slogan seiner Geburtsstadt, "BTHVN2020", aushalten? Tut es da Not, dass man ihn so verzeitgeistigt?

Wagner: Dass Beethoven von seiner Stadt als Marke bezeichnet wurde, finde ich einfach fürchterlich. Wenn jemand gegen Konsumgesellchaft oder gegen dieses Getriebe gewesen wäre, dann Beethoven. Aber heute muss er marktförmig gemacht werden, obwohl er es weiß Gott nicht braucht. Dazu gehört die Erfindung dieses Logos. Es ist eine gewaltige Vermarktung von Beethoven im Gange gewesen, die nun ins Wasser gefallen ist - was auch nicht unkomisch ist in gewisser Weise. Die Popularisierung und Marktförmig-Machung gefällt mir gar nicht. Aber durch die dicken Editionen der Schallplattenindustrie gab es die immer - denken Sie an die Karajan-Editionen und dergleichen.

In diesem speziellen Jahr hat es auch die berühmten Corona-Konzerte von Igor Levit gegeben, in denen er viel aus seinem Beethoven-Zyklus gespielt hat. Da wurde durchaus auch ein jüngeres, ein klassikferneres Publikum angesprochen. Würde das für Sie auch unter diese Popularisierung fallen?

Wagner: Nein, ich finde das sehr positiv. Ich kenne Igor Levit sehr gut. Er hat schon in seinen ganz jungen Anfängen in Weimar gespielt und ich bin seitdem von ihm begeistert. Er kann sich das erlauben, weil er so gut spielen kann. Er hat Vermittler- und Mediatoren-Talente und wenn er all diese Social-Media-Kanäle dazu ausnutzt, finde ich das gut. Er wird auch oft für sein politisches Engagement kritisiert. Es ist doch gut, dass ein Musiker sich wieder politisch so artikuliert, wie er. Nein, Igor ist prima, er soll weitermachen und sich dann mit Bedacht aus seiner eigenen Vermarktung herausziehen.

Das Interview führte Jürgen Deppe

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NDR Kultur | Journal | 17.12.2020 | 18:00 Uhr

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