Eine berufstätige Mutter mit Kind im Homeoffice © imago

Corona: Wie die Pandemie die Familie verändert hat

Stand: 08.10.2021 15:21 Uhr
Christiane Peitz © IMAGO / APP-Photo
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von Christiane Peitz

Fälle von häuslicher Gewalt gestiegen

Wenn die Wohnung klein und die Existenz prekär ist, sieht das oft anders aus. Es gibt Familien, die die Covid-19-Krise nicht überstanden haben, in allen sozialen Schichten. Eltern, die sich jetzt trennen, weil sie an der Enge erstickt, am emotionalen Leistungsdruck zerbrochen sind. Erste Statistiken und Studien belegen, wie das "Geschenk" der unversehens gewonnenen Zuhause-Zeit in der Pandemie auch zur unerträglichen Bürde wurde. Existenzängste, psychische Belastung, mehr Arbeit für die Jugend- und Sozialämter, häusliche Gewalt: Die Recherchegruppe Correctiv trug schon im letzten Winter Zahlen zusammen, denen zufolge Frauenhäuser in Deutschland die Nachfrage nach Plätzen nicht mehr erfüllen konnten.

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Eine Frau sitzt im Frauenhaus auf einem Bett © dpa / picture alliance Foto: Maja Hitij

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Die Einrichtung in Uelzen etwa sei regelrecht überrannt worden. Dazu soll die häusliche Gewalt massiver geworden sein. mehr

Laut Polizeilicher Kriminalstatistik wurden 2020 in Deutschland 152 Kinder getötet, 40 mehr als im Vorjahr. Knapp 5.000 Kinder wurden misshandelt, elf Prozent mehr als 2019, auch die Zahl der Opfer sexueller Gewalt ist gestiegen. Zwar betonen die Statistiker, dass ein exakter Zusammenhang zwischen Gewalt und Pandemie nicht mit Zahlen erfassbar ist. Sie verweisen jedoch auf die hohe Dunkelziffer, (und auf die besondere Schwierigkeit für Betroffene, im Lockdown unbemerkt von den Tätern Hilfe zu holen). Der Pastor und Arche-Gründer Bernd Siggelkow, der ein Buch zu den sozialen Folgen der Pandemie veröffentlicht hat, sagt es so: "Für manche Kinder ist es sicherer, nachts durch den Park zu gehen, als zuhause zu sein." Siggelkow wirft der Gesellschaft eine schwere Vernachlässigung des Kindesschutzes vor.

Traditionelle Geschlechterrollen haben sich verstärkt

Klar, häusliche Gewalt gab es schon vorher. Die Familie als Hort der Geborgenheit und als Schauplatz der Verletzungen und Traumata war schon immer vielfältigen Zerreißproben ausgesetzt. Darauf zielt der berühmte Anfangssatz von Leo Tolstois Roman "Anna Karenina", demzufolge alle glücklichen Familien einander ähneln, jede unglückliche aber auf ihre eigene Art unglücklich sei. Dieser Satz relativiert sich jetzt insofern, als das Unglück sich in der Pandemie in Teilen angeglichen hat. Stichwort Backlash: Inwiefern wurden die traditionellen Geschlechterrollen tatsächlich im Lockdown zementiert?

Auch dazu liegen erste Zahlen vor: Jüngsten Studien zufolge leisteten Mütter pro Tag im Schnitt 3,1 Stunden mehr Care-Arbeit, Väter 2,6 Stunden. Kaum weniger, das klingt gut. Rechnet man jedoch hinzu, dass die Frauen sich mit täglich 7,2 Stunden schon vorher mehr als doppelt so viel um Kinder, Alte und Kranke kümmerten als die Männer, wird klar, das Ungleichgewicht hat sich verstärkt. Wie unverzichtbar Schulen oder Sportstätten als Ausgleich und Alternative sind, das rückt seit Corona deutlicher denn je ins Bewusstsein.

Unversöhnlichkeit und Dogmatismus nehmen zu

Wie viel Nähe und Schutz braucht der Mensch, und wie viel offenen Raum? Das wird jetzt neu verhandelt. Nicht nur im familiären Beziehungsgeflecht, in dem Menschen Verantwortung füreinander tragen, auch in der Gemeinschaft der Bürger. Noch nie sind wir alle so sehr unter Unseresgleichen geblieben wie in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen. Es dürfte kein Zufall sein, dass die Debatte über Identitätspolitik und "safe spaces" Fahrt aufgenommen hat. Wegen der Entgrenzung der Öffentlichkeit im Internet, der Vielstimmigkeit und Kakophonie der sozialen Netzwerke, aber auch wegen der Pandemie.

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Eine Reihe von Uhren steht in einem leeren Fabrikgebäude. Eine zeigerlose Uhr ist frontal zu sehen. © Roberto Agagliate / photocase.de Foto: Roberto Agagliate

Gedanken zur Zeit

Radio-Essays für neugierige Hörer: Immer sonntags diskutieren namhafte Autoren unsere Weltbilder und liefern Diagnosen zur geistigen Situation der Zeit. mehr

Wo dürfen wir uns sicher fühlen, ohne uns die Köpfe einzuschlagen? Auch hier herrscht Dünnhäutigkeit. Wie sehr wir Verbindlichkeit brauchen, Orte und Gruppen, in denen ich ich sein kann, ohne mich erklären oder verteidigen zu müssen, darum geht es bei den aktuellen Identitätsfragen. Zugehörigkeit, Zugewandtheit, Empathie, auch Streitkultur - es sind Familienwerte, die in den leidenschaftlichen Diskussionen um Rassismus, Gender-Gerechtigkeit und Diskriminierung eingeklagt werden. In den zurückliegenden Wahlkampagnen erklärten etwa die Sozialdemokraten den Respekt zur obersten Priorität. Denn Unversöhnlichkeit und Dogmatismus nehmen nachweislich zu.

Eine internationale Umfrage der Universität Münster weist die viel beschworene Spaltung europäischer Gesellschaften erstmals empirisch nach. Vor allem zwei Lager, so das Ergebnis, haben sich verfestigt: Auf der einen Seite diejenigen, die traditionelle Werte und Lebensweisen verteidigen, auf der anderen Seite jene, die gründliche Veränderungen wollen. Die Konfliktpositionen werden immer unversöhnlicher. Wie lässt sich da noch ein Wir-Gefühl herstellen, die Grundlage für sozialen Zusammenhalt? Die Soziologin Paula-Irene Villa warnt jedenfalls vor der Selbstimmunisierung in der politischen Auseinandersetzung.

So ringen alle um die Balance zwischen Innen- und Außenwelt, Distanz und Nähe: die Kleinfamilie und all die anderen Lebensgemeinschaften genauso wie die Bürgerschaft als Ganzes. Von der Familie lernen, heißt, einander aushalten lernen. Welch ein Kraftakt das ist, und welches Langzeitprojekt, das hat die Pandemie die Gesellschaft gelehrt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 09.10.2021 | 13:05 Uhr

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