Die Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz in Moskau. © KEYSTONE Foto: Alessandro della Bella

Gedanken zur Zeit: Wie blickt Russland auf Deutschland?

Stand: 17.09.2021 16:17 Uhr

von Christina Nagel

Das Deutschland-Bild ist ins Wanken geraten

Die einen wenden sich deshalb enttäuscht ab. Die anderen gehen zum verbalen Gegenangriff über. Das russische Staatsfernsehen beleuchtet derzeit gern ausführlich, was alles nicht läuft in Deutschland.

Dass ausgerechnet das gut organisierte Deutschland erst spät mit dem Impfen beginnen konnte, hat in Russland für Häme, aber auch für Fassungslosigkeit gesorgt. Das Deutschland-Bild geriet ins Wanken. Ob beim Friseur oder aber im Impfzentrum in der Shoppingmall, überall dieselbe Frage: Ist es wirklich wahr, dass ihr keinen Impfstoff habt? Obwohl man sich hier bei uns an jeder Ecke impfen lassen kann? Sind das wirklich keine Fake News? Und wenn das so ist, warum nehmt ihr denn dann nicht den russischen Impfstoff? Ist der so schlecht? Nein, ist er nicht, hat mir mal ein deutscher Arzt gesagt. Nicht ohne einen Satz hinterher zu schieben, der symptomatisch ist: Aber dem Putin, dem gönne ich diesen Erfolg gar nicht. Nicht wenige Russen sind überzeugt, dass das der Grund ist, warum der russische Impfstoff auch nach monatelanger Prüfung noch immer nicht von der Europäischen Arzneimittel-Agentur zugelassen wurde. Während die EMA betont, dass noch immer Daten fehlten. Definitiv aber fehlt es jedenfalls an politischem Willen, wenigstens die Impfzertifikate gegenseitig anzuerkennen. Und so gelten Sputnik-Geimpfte, die nach Deutschland reisen, weiter als ungeimpft. Umgekehrt akzeptiert Russland die europäischen Nachweise nicht. Wer also oft zwischen beiden Ländern unterwegs ist, muss entweder viel Geld in Tests investieren - oder sich absurderweise hier wie da impfen lassen. Vom bürokratischen Aufwand, der wegen Corona noch größer und umständlicher geworden ist, mal ganz abgesehen.

Erstes Treffen nach Merkel-Ära: Ein Mit- oder Gegeneinander?

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Es wäre ein Leichtes, wenigstens in diesen Bereichen einen Schritt aufeinander zuzugehen, um der tiefen, längst nicht mehr nur politischen, sondern auch gesellschaftlichen Krise etwas entgegenzusetzen. Aber dazu müsste das Thema überhaupt erst einmal als solches wahrgenommen werden. Wer auch immer Kanzlerin Merkel nachfolgt, dürfte zunächst anderes auf seiner Tagesordnung stehen haben. Es geht darum, eigene Erfahrungen mit Russland, dem Kreml und Präsident Putin zu machen, der sich so oder ganz anders geben kann. Der versuchen wird, ein- und abzuschätzen, mit wem er es künftig zu tun haben wird. Es wird schon im Vorfeld gute Ratschläge und noch mehr Kritik geben. Das erste Treffen wird genauestens unter die Lupe genommen werden, auch von russischer Seite.

Bei diesem Treffen könnte der Ton für das weitere Mit- oder Gegeneinander gesetzt werden. Bis sich ein echter Kurs daraus entwickelt, dürfte es etwas dauern. Auch weil es allem Anschein nach in Deutschland an politischen Beratern mit Russland-Expertise fehlt. Ein Manko, das in Russland durchaus auch als Desinteresse wahrgenommen wird.

Das Vertrauen in den Partner ist verloren gegangen

Fragt man auf der Straße in Moskau nach, was sich die Menschen wünschen würden, dann ist die Antwort ziemlich eindeutig: ein wieder besseres Verhältnis. Allein, den meisten fehlt der Glaube, dass dies angesichts der politischen Probleme zurzeit wirklich möglich ist. Die Fronten sind verhärtet, die Lager in Hab-Acht-Stellung. Einseitige Berichterstattung wird beklagt, jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Eine Abhandlung wie diese, die sich nur einer Seite widmet, fordert Widerspruch heraus. Den einen geht sie zu weit, den anderen nicht weit genug, wieder anderen geht sie überhaupt in die falsche Richtung. Alles zu pauschal. Alles zu schwarz-weiß.

Und das ist eine berechtigte Kritik. Denn es gibt weder "das" Deutschlandbild der Russen, noch gibt es "die" Russen. Das Verhältnis ist vielschichtiger, komplexer und viel komplizierter, als es sich in einigen Minuten darstellen lässt. Erst recht, wenn man dann auch noch die geschichtliche Ebene, das Wüten Nazi-Deutschlands in der ehemaligen Sowjetunion, den Großen Vaterländischen Krieg, wie der Zweite Weltkrieg hier heißt, mit ins Spiel bringt. Eine Ebene, die in der politischen Gegenwart Russlands wieder sehr viel Raum einnimmt und nicht unterschätzt werden sollte.

Die Sorge vieler Deutschland-interessierter Russinnen und Russen ist groß, dass das Verhältnis zuletzt so massiv Schaden genommen hat, dass es Jahre dauern wird, bis sich die Beziehungen zwischen beiden Ländern wieder halbwegs normalisieren. Weil schlicht etwas Entscheidendes auf vielen Ebenen verloren gegangen ist: das Vertrauen in den Partner.

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NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 18.09.2021 | 13:05 Uhr

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