Queen Elizabeth II. © picture alliance / empics Foto: Alastair Grant

Long live the Queen! - Zum 95. Geburtstag von Elisabeth II.

Stand: 16.04.2021 18:48 Uhr

Am 21. April wird Queen Elizabeth II. ihren 95. Geburtstag feiern. Nach dem Tod ihres Mannes Prinz Philip wird sie es sicher mit gemischten Gefühlen tun.

von Thomas Spickhofen

Seit 69 Jahren sitzt sie nun auf dem britischen Thron, Boris Johnson ist ihr 14. Premierminister. Eine Queen wie aus anderer Zeit, und doch so gegenwärtig, dass sich viele Briten ein Leben ohne sie kaum vorstellen können.

Die Queen als zuverlässiger Kompass auf hoher See

Als Elizabeth Alexandra Mary Windsor am 21. April 1926 im Herzen von London geboren wird, in einem Haus in der Bruton Street im Stadtteil Mayfair, da regiert gerade ein gewisser Premierminister Stanley Baldwin das Vereinigte Königreich. Es ist seine zweite von drei Amtszeiten, trotzdem ist er heute schon weithin in Vergessenheit geraten. In Deutschland toben die Wilden Zwanziger, Reichskanzler ist gerade der parteilose Hans Luther, auch er heute kaum noch bekannt. Reichspräsident ist seit einem Jahr der greise Paul von Hindenburg. Auf dem Thron des Vereinigten Königreichs sitzt der Großvater von Elizabeth, Georg der Fünfte - und niemand rechnet damit, dass die kleine Lilibet überhaupt jemals Königin wird. Und schon gar nicht damit, dass man sich 95 Jahre später kaum vorstellen kann, wie dieses Königreich einmal irgendwann ohne sie aussehen mag - so sehr hat Elisabeth die Zweite in den fast 70 Jahren ihrer Regentschaft eine Epoche geprägt, mit dem vor wenigen Tagen verstorbenen Prinz Philip an ihrer Seite.

1952 besteigt Elizabeth aus dem Hause Windsor mit 26 Jahren dann doch den Thron, als Elisabeth die Zweite. Der Premierminister heißt inzwischen Winston Churchill, und der alte Mann wird zum politischen Mentor der jungen Königin. Seither sind elf weitere Premierminister und zwei Premierministerinnen zur wöchentlichen Audienz in den Buckingham Palast gekommen. Es sind Namen, bei denen wir meist schon im Geschichtsbuch nachschlagen müssen: Wer kennt heute noch Anthony Eden, Alec Douglas-Home oder James Callaghan? Dann schon eher die eiserne Lady Margaret Thatcher und den jungdynamischen Tony Blair, das ist ja erst 20 beziehungsweise 40 Jahre her. Die englischen Fußball-Weltmeister von 1966 erhielten ihre Trophäe von dieser Queen, die Kolonien des Empires lösten sich von ihren Kolonialherren, das Land wurde wirtschaftlich zum kranken Mann Europas und schließlich wieder zum Zentrum des Kapitals, es trat der EU spät bei und als erstes wieder aus. Die Queen saß als Augenzeugin dieser Geschichte in der ersten Reihe, und man kann nur darüber spekulieren, wie viel Einfluss sie selbst genommen hat. Immerhin hat sie es geschafft, wie keine zweite für Beständigkeit und Besonnenheit zu stehen, für die Ruhe im Sturm. Sie gilt heute als zuverlässiger Kompass auf hoher See.

Die Krise der Monarchie

Hang on a minute, einen Moment bitte, mag man da sagen. War da nicht was mit Krise der Monarchie, vor 25, 30 Jahren? Annus horribilis 1992? Der Rosenkrieg zwischen Charles und Diana? Und dann die Tage nach dem tragischen Unfall 1997, als das Land still stand und die Monarchin stumm blieb, tagelang? Als die Blätter in großen Buchstaben fragten: "Wo ist unsere Königin, wo ist die Flagge?" und drohend forderten: "Sprechen Sie zu uns, Ma’am!"

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Der britische Prinz Philip auf einem Archivbild von 2018 in der St. George's Chapel in Windsor. Der Ehemann der britischen Königin Elizabeth II. ist im Alter von 99 Jahren gestorben © Alastair Grant/AP Pool/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk

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Doch, da war was. Es gab diese Krise, und damals schien es keineswegs sicher, dass das britische Königshaus sie übersteht. Zu sehr hatte es sich von dem entfernt, was die Briten fühlten. Es schien ihm völlig zu entgehen, dass die 90er-Jahre nicht mehr die 50er waren und dass das frühere "never complain, never explain", beschwere Dich nie und erkläre auch nie, nicht mehr reichte.

In jener Woche mussten das Königshaus und an seiner Spitze die Queen eine steile Lernkurve hinlegen. Erst ein gewaltiger Druck aus dem Volk und von der Regierung brachte Elizabeth dazu, sich schließlich direkt an ihre Untertanen zu wenden, Diana als inspirierend und warmherzig zu bezeichnen und ihre Energie und Bereitschaft, für andere da zu sein, zu bewundern. Innerhalb weniger Tage musste das Königshaus seinerzeit begreifen, dass es sich zu ändern hatte, wenn es als relevante Institution überleben wollte. 

Die Royals: eine Firma mit Bodenhaftung

Tatsächlich begann dann aber auch ein Öffnungsprozess, der die Monarchie heute gefestigter erscheinen lässt, als man sich das damals hätte vorstellen können. Im Kern schaffte Elizabeth es, die einstige Empire- und Kronjuwelen-Monarchie umzuwandeln in eine - ich nenne es mal - Wohlfahrtsmonarchie. Die britischen Royals sind heute mit rund 3.000 Schirmherrschaften ihrem Volk verbunden, von Kinderhospizen über Theater- und Buchclubs bis hin zu Organisationen, die sich um Obdachlose kümmern. Für diese Einrichtungen bedeutet das: mehr öffentliche Aufmerksamkeit, und natürlich auch: mehr Geld, mehr Spenden. Allein Prinz Charles soll im Laufe seines Lebens bis zu 100 Millionen Pfund für jene gesammelt haben, denen er als Patron zur Verfügung steht. Für den Kern der Königsfamilie heißt das: hunderte Termine jedes Jahr. Hier der Besuch in einem Krankenhaus, dort die Eröffnung einer Tagesstätte, Fototermine mit Pflegepersonal. Die Royals geben sich heute als eine Firma mit Bodenhaftung. Das gesamte Marketing des Hofes ist darauf ausgerichtet, die karitativen Tätigkeiten der Royals in den Mittelpunkt zu stellen, die vielen Termine zu begleiten und zehntausende Briefe zu beantworten. Die britische Monarchie ist in der Tiefe ihrer Gesellschaft verankert wie nie zuvor. Und dass sie zur Beisetzung von Prinz Philip nun entschieden hat: kleine Trauerfeier, nur die 30 Gäste, die auch allen Untertanen erlaubt sind, verstärkt das Gefühl der Bodenhaftung: Für uns gelten dieselben Regeln wie für jeden anderen auch.

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NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 17.04.2021 | 13:00 Uhr

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