Die Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz in Moskau. © KEYSTONE Foto: Alessandro della Bella

Gedanken zur Zeit: Wie blickt Russland auf Deutschland?

Stand: 17.09.2021 16:17 Uhr

Offenbar hat sich eine gewisse russische Enttäuschung über die Deutschen breitgemacht, stellt Moskau-Korrespondentin Christina Nagel fest - und denkt über Gründe nach.

Die Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz in Moskau. © KEYSTONE Foto: Alessandro della Bella
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von Christina Nagel

In den vergangenen Wochen bin ich oft gefragt worden, wie man in Russland eigentlich auf die Bundestagswahl guckt. Die Antwort mag für einige jetzt ein bisschen enttäuschend sein, aber "gar nicht" würde es wohl am besten treffen. Warum auch? Dem Kreml würde man, sollte er Präferenzen für Parteien oder Kandidaten offenbaren, postwendend Einmischung in den Wahlkampf unterstellen. Ein Vorwurf, der sowieso latent im Raum steht. Und übrigens mittlerweile genauso oft von russischer Seite formuliert wird: mit Blick auf die eigene Parlamentswahl, die eine Woche vor der Bundestagswahl stattfindet.

Porträtbild der ARD-Korrespondentin Christina Nagel. © ARD
Christina Nagel ist ARD-Korrespondentin in Moskau.

Und den Russinnen und Russen? Denen ist es, ehrlich gesagt, egal, wer in Deutschland eine neue Regierung bildet. Und wer ins Kanzleramt einzieht. Nicht, weil das Amt bedeutungslos wäre. Sondern weil sie weder Olaf Scholz noch Annalena Baerbock kennen. Von Armin Laschet haben sie vielleicht schon ein paar Bilder gesehen: Das russische Staatsfernsehen hat gezeigt, wie er kicherte und feixte, während Bundespräsident Steinmeier zu den Betroffenen der Hochwasserkatastrophe sprach. Nichts also, was besonders schmeichelhaft gewesen wäre.

Angela Merkel wird hoch geschätzt

Wen sie aber kennen und schätzen, die Russen, das ist Angela Merkel. Von der viele erwarten, dass sie auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Kanzleramt politisch weiter Einfluss ausübt. Schließlich war sie irgendwie immer da. Vor allem dann, wenn es politisch krachte und kriselte. Mit ihrer pragmatischen Art. Mit ihrer Ost-Vergangenheit. Und ihrem Draht zu Wladimir Putin.

In Zeiten, in denen es sehr viel einfacher gewesen wäre, wie andere nur von Berlin aus zu monologisieren, zu fordern und zu drohen, hat sie den Dialog gesucht. Was nicht nur im Kreml hoch geschätzt wurde. Vom Taxifahrer bis zum politischen Beobachter habe ich viele mit einer gehörigen Portion Respekt von ihr sprechen hören. Auch weil sie sich getraut hat, einem Wladimir Putin die Meinung zu sagen. Weil sie ohne Schaum vorm Mund, direkt und öffentlich kritische Themen angesprochen hat.

Das ist aber gleichzeitig auch die Krux: Viele Menschen in Russland bedauern zutiefst, dass es in den vergangenen Jahren zwischen beiden Ländern fast nur noch um kritische Themen ging, mit Ausnahme einiger weniger erfolgreicher gemeinsamer Kulturprojekte und Veranstaltungen.

Selbst der Petersburger Dialog, der lange Jahre und auch in schwierigen Zeiten als Diskussionsplattform für Gruppierungen aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens diente, liegt auf Eis, weil einige deutsche Nichtregierungsorganisationen in Russland inzwischen als unerwünscht gelten. Der Austausch stockt auf vielen Ebenen.

Zwei Lager: Russland-Versteher und Russland-Basher

Städtepartnerschaften - vor Jahrzehnten der Nukleus besserer Beziehungen - sind plötzlich wieder Ultima Ratio. Eine Entwicklung, die für viele, die sich in Russland für ein gutes Verhältnis zu Deutschland stark machen, bitter und enttäuschend ist. Sie fürchten, dass das Kind hier gerade mit dem Bade ausgeschüttet wird.

Der raue Ton auf der politischen Ebene, wenn es um die Frage nach der Verantwortung, der Schuld für die Krise geht, hat sich längst auch in der russischen Gesellschaft niedergeschlagen. Es wird polarisiert, in Lager aufgeteilt: in Russland-Versteher und Russland-Basher. In Gesprächsrunden, aber auch am berühmten Küchentisch. Es gibt Themen, die lässt man am besten aus, wenn man Bekanntschaften und Freundschaften nicht aufs Spiel setzen will: angefangen mit allem, was mit der Ukraine zu tun hat, über Hackerangriffe, Desinformation bis hin zu Nawalny und dem sensiblen Thema der Freiheits- und Menschenrechte.

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Der kritische Blick aus Deutschland

Viele Russinnen und Russen haben inzwischen das Gefühl, auch von deutscher Seite pauschal für alles verantwortlich gemacht zu werden, was irgendwo auf der Welt passiert. Sie sind es leid, komisch angeguckt und abgestempelt zu werden. Sie sind irritiert, dass auch in Berlin reflexhaft nach neuen Sanktionen gerufen wird, egal, ob es um die Gas-Pipeline Nord Stream II geht oder einen Hackerangriff auf einen amerikanischen Fleischkonzern.

Andererseits gibt es aber auch diejenigen, die sich in der außerparlamentarischen Opposition engagieren oder für regierungskritische Organisationen und Medien arbeiten, denen der deutsche Druck nicht hoch genug ist. Und die eine härtere Gangart fordern.

Auf das früher oft gehörte "ich find Deutschland toll, ich mag das Land" folgt immer häufiger ein "aber". Weil sich das Gefühl breitgemacht hat, dass, wann immer es um Russland geht, ein anderer Maßstab angelegt wird. Weil alles, was aus Moskau kommt, mit Vorsicht zu genießen ist, weil hinter allem ein Kreml-Kalkül vermutet wird und deshalb alles hinterfragt werden muss. Ob es nun um Anteilnahme für die Opfer der Hochwasserkatastrophe geht, um Blumen für die Kanzlerin zum Abschied oder um den russischen Corona-Impfstoff.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 18.09.2021 | 13:05 Uhr

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