Mann in Sandalen vor einem Wohnwagen auf Sizilien © picture alliance / imageBROKER | Frauke Scholz

Gedanken zur Zeit: Wie blickt Italien auf Deutschland?

Stand: 07.08.2021 09:42 Uhr

Wie schauen Menschen aus anderen Ländern auf Deutschland im Jahr 2021? In Folge 1 der Sommer-Serie der Gedanken zur Zeit geht es um den Blick aus Italien. Ein Essay von ARD-Korrespondent Jörg Seisselberg.

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von Jörg Seisselberg

Sebastian Vettel, Rammstein, Herta Müller. Ein Autorennfahrer, eine Metal-Hardrock-Band und eine Literatur-Nobelpreisträgerin. Das sind drei der in Italien bekanntesten Deutschen. Zumindest laut einer repräsentativen Umfrage im Rahmen einer Studie, die die Friedrich-Ebert-Stiftung kürzlich zu den deutsch-italienischen Beziehungen veröffentlicht hat. Sport, Musik, Kultur - damit können die Italienerinnen und Italiener etwas anfangen, wenn sie auf Deutschland schauen.

Angela Merkel: Das Gesicht Deutschlands in Italien

Jörg Seisselberg, für den NDR im ARD-Hauptstadtstudio © ARD-Hauptstadtstudio / Jens Müller
Jörg Seisselberg ist ARD-Korrespondent im Studio Rom.

Und die Politik? Angela Merkel war nicht Teil des Namenspools, der in der Umfrage vorgegeben war. Die sonderlich kühne These sei erlaubt: Hätte Merkel zur Auswahl gestanden, wären alle Sportlerinnen und Sportler, alle Musikerinnen und Musiker und alle Kulturschaffenden chancenlos gewesen. In den vergangenen 16 Jahren ist Angela Merkel für die Menschen in Italien zum Gesicht Deutschlands geworden. Ein Gesicht, das die Italienerinnen und Italiener vermissen werden. Vergangenen Monat befragt, wen sie unter den aktuellen ausländischen Regierungschefs am meisten schätzen, nennen die Menschen in Italien mehrheitlich nicht Joe Biden oder Emmanuel Macron sondern Angela Merkel - mit großem Abstand.

Wohl gemerkt, gefragt wurde nicht nach Sympathie, sondern nach Wertschätzung. Hier muss im deutsch-italienischen Verhältnis stets unterschieden werden. Fast immer gilt die alte Faustregel: Die Deutschen lieben die Italiener, aber schätzen sie nicht - während die Italiener die Deutschen schätzen, aber sie nicht lieben.

Finanzkrise belastet Verhältnis

Unter Merkel hat sich dies nicht geändert. Im Gegenteil, am Anfang fehlte sogar die Wertschätzung. In den vergangenen Jahren, den Merkel-Jahren, war das deutsch-italienische Verhältnis häufig schwierig. In der Anfangszeit hieß Merkels Kontrapart in Rom Silvio Berlusconi. Was ein Gefühl für zeitliche Dimension ihrer Kanzlerschaft vermittelt. Es waren die Jahre der Diskussion über die Maastricht-Kriterien. Deutschland schaute streng, ob der Partner im Süden in seinen Haushaltsplänen auch die Drei-Prozent-Defizitgrenze einhielt. Als oberlehrerhaft wurde dies in Italien empfunden, einige Kritiker griffen auch zu drastischeren Bildern. An der Leine, wie einen Hund, würde Deutschland Italien führen wollen. Das Ganze stand in einem Buch mit dem Titel "Das Vierte Reich" und sagt viel darüber, wie Italien, und nicht nur die dort veröffentlichte Meinung, vor gut einem Jahrzehnt Deutschland, das Merkel-Deutschland, sah.

Klischees, die mit der Nazivergangenheit spielen, sind zwischen Bozen und Palermo nie weit, wenn es um den Nachbarn im Norden geht. Hier hat sich über die vergangenen Jahrzehnte wenig geändert. Noch häufiger aber, wenn es Deutschland gegenüber kritisch wird, taucht das Etikett "oberlehrerhaft" auf. Dies, finden viele Italienerinnen und Italiener, sei die grundlegend schlechte Eigenschaft der Deutschen. Ein comportamento da padrone, zeigten sie, das Verhalten eines Gebieters, eines Chefs. Das regt die Menschen in Italien im Übrigen nicht nur bei deutschen Politikerinnen und Politikern auf, sondern beginnt bei den deutschen Touristinnen und Touristen. Wenn die Gäste von jenseits der Alpen erklären wollen, wie etwas zu funktionieren hat, trifft dies in Italien einen empfindlichen Nerv und bestätigt das wichtigste negative Vorurteil über Deutsche.

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Flagge Fahne esc ESC Italien © Fotolia.com Foto: Jürgen Priewe

Studio Rom: Tassilo Forchheimer und Jörg Seisselberg

Die beiden ARD-Korrespondenten Tassilo Forchheimer (BR) und Jörg Seisselberg (BR) berichten über Italien, den Vatikan und Malta. mehr

Umgang mit Griechenland als Menetekel

Merkel, fanden viele Italienerinnen und Italiener über Jahre, sei in diesem negativen Sinne eine typische Deutsche. Auch das Faible der Kanzlerin für Urlaube in Südtirol und auf Ischia mit uneitlen Auftritten in Wanderkluft brachte nicht wirklich Sympathiepunkte. Merkel, das war Pochen auf die Maastricht-Regeln, Nein zu gemeinsamen Schulden und dann vor allem ein Umgang mit dem mediterranen Bruder Griechenland in der Finanzkrise, den viele in Rom als Menetekel empfanden. Die Kanzlerin, mit ihrem Finanzminister Schäuble an der Seite, wolle eine Unterwerfung der mediterranen Staaten in Europa, das war weitverbreitete Lesart. Nach dem Motto: Mit Griechenland beginne es, irgendwann werde auch Italien dran sein.

In dieser Diskussion war zu beobachten, was immer wieder auffällt in den vergangenen Jahren: In Italien wird Europa häufig mit Deutschland gleichgesetzt. Wenn Brüssel etwas beschließt, sieht Rom dahinter die Hand Berlins - und sich selbst häufig in der Opferrolle. Der historische Minderwertigkeitskomplex einer Nation, die Industrialisierung und Modernisierung später erlebte als Großbritannien, Deutschland und Frankreich, spielt hier eine Rolle. Ebenso das aktuelle Unverständnis darüber, dass Italien in der Europäischen Union regelmäßig nur in der zweiten Reihe steht, obwohl das Land in Sachen Einwohnerstärke und Wirtschaftsstärke gleich hinter Frankreich kommt. Gerne würde Italien mit dabei sein in der informellen Führungskabine der Europäischen Union, an der Seite Deutschlands und Frankreichs. Dass derzeit der neue Regierungschef Mario Draghi von den Partnern, auch von den deutschen, offensichtlich ernster genommen wird als viele seiner Vorgänger, wird in Rom mit Befriedigung registriert.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 07.08.2021 | 13:05 Uhr

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