Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Pressekonferenz mit US-Präsident Joe Biden © Consolidated News Photos | Alex Edelman - Pool via CNP Foto: Alex Edelman

Gedanken zur Zeit: Wie blicken die USA auf Deutschland?

Stand: 10.09.2021 18:21 Uhr

Die amerikanische Mischung aus enthusiastischer Ignoranz und herzlichem Desinteresse am Rest der Welt macht die Leiterin des ARD-Hörfunkstudios in Washington Katrin Brand manchmal wütend.

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von Katrin Brand

Heidi? Berge? Echt jetzt? Ja, echt jetzt. Mit Amerikanern über Deutschland zu sprechen, kann eine ernüchternde Erfahrung sein - wenn etwa die entzückende amerikanische Gesprächspartnerin mit überschwänglicher Freundlichkeit erzählt, dass ihr zu Deutschland nur besagte Heidi und die Berge einfallen, dass sie sich ansonsten noch nie Gedanken über Deutschland gemacht hat und auch nie im Leben machen würde, wenn sie sich nicht gerade jetzt mit einem Deutschen unterhalten würde. Womit die Frage "Wie blicken die USA auf Deutschland?" auch schon beantwortet wäre: gar nicht. Ende des Textes.

Die Wut der enttäuschten Liebe

So. Das musste jetzt raus. Es ist zugespitzt und ungerecht, das gebe ich zu. Aber diese amerikanische Mischung aus enthusiastischer Ignoranz und herzlichem Desinteresse am Rest der Welt macht mich manchmal wütend. Es ist die Wut der enttäuschten Liebe. Unsereins versucht, sich alle 50 Hauptstädte aller 50 US-Bundesstaaten zu merken (nein, es ist nie die naheliegende Stadt) und weiß selbstverständlich, dass das Electoral College 538 Stimmen hat, aber dem amerikanischen Gegenüber fallen nur Heidi, Berge und teure deutsche Automarken ein? Das nervt. Manchmal.

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Katrin Brand ist Leiterin des ARD-Hörfunkstudios in Washington.

Denn natürlich ist die Wirklichkeit vielschichtiger. Und natürlich gibt es viele Gründe, warum die Bewohner der USA (330 Millionen Einwohner) sich nicht mit Deutschland (80 Millionen Einwohner) befassen müssen. Da ist die schiere Größe. Ein Land, das von Ozean zu Ozean spannt, mit Gletschern, Wüsten, Tropen. In einigen Staaten scheint die Zeit 1880 stehen geblieben zu sein, anderswo lebt man in der Zukunft. Aber drauf verlassen kann man sich nicht. Selbst bei den Amishen kann man inzwischen mit Apple Pay bezahlen. Die USA sind eine Welt für sich, ein Standard für sich. Das reicht schon aus, um sich selbst zu genügen.

Der "Amerikanische Exzeptionalismus" steckt in vielen Köpfen

Dazu die Größe des amerikanischen Egos. Die Pilgerväter und -mütter waren ausgezogen, einen Gegenentwurf zu Europa zu schaffen, freier und moralisch überlegen, eine bessere Welt. Das Gefühl der Außergewöhnlichkeit, der "Amerikanische Exzeptionalismus", die Überzeugung, "God‘s own country" zu sein, "the shining city on a hill", Vorbild für alle anderen, steckt in so vielen Köpfen. Nicht Amerika muss sich für den Rest der Welt interessieren, so der kaum verbrämte Subtext, sondern umgekehrt: Die Welt soll auf Amerika, sprich die USA schauen.

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Ein Highway durch die Prärie im Westen der USA. © picture alliance / Zoonar | Galyna Andrushko

Die US-amerikanische Selbstsicht und Weltsicht

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Und hier wird es interessant. Denn es sind vor allem die konservativen, weißen Republikaner, die diese Ausprägung der amerikanischen Großartigkeit feiern. Es war Donald Trump, der in seinem Wahlprogramm forderte, die amerikanische Außergewöhnlichkeit müsse Unterrichtsziel werden ("Teach American Exceptionalism") und es ist Trump, der seinen politischen Gegnern vorwirft, sie machten Amerika "schlecht". Es sind republikanische Gouverneure, die die kritische Auseinandersetzung mit amerikanischer Geschichte per Gesetz steuern möchten. "Wir bringen Erstklässlern nicht mehr bei, dass sie wegen ihrer Hautfarbe Unterdrücker sind oder für etwas verantwortlich sind, was vor 100 Jahren geschehen ist", so formulierte es etwa Kevin Stitt, der Gouverneur von Oklahoma. Stitt hat das Gesetz für seinen Staat im Mai unterzeichnet, kurz bevor in der Stadt Tulsa an das Massaker an der afroamerikanischen Bevölkerung vor 100 Jahren erinnert wurde. Studenten und Professoren aus dem liberalen Lager waren entsetzt. Das sei weißes Vorherrschaftsdenken vom Feinsten, sagte etwa Quraysh Ali Lansana, Autor und Professor an der Uni in Tulsa. Das setze der Wahrheit noch mehr historische Scheuklappen auf.

Bewunderung für die deutsche Erinnerungskultur

Wenn die afroamerikanische Community über Wege diskutiert, systemischen Rassismus zu überwinden, schaut sie nach Deutschland. Clint Smith etwa, ein junger Schriftsteller und Dichter, hat gerade ein Buch geschrieben: "How the Word is Passed", eine Abrechnung mit der Geschichte der Sklaverei in Amerika. Smith interessiert sich für deutsche Erinnerungskultur, dafür wie in Deutschland der Verbrechen der Nazis und deren Opfer gedacht wird. Wie wäre es, wenn auch in den USA die Orte markiert würden, an denen Sklavenauktionen stattfanden, an denen versklavte Familien getrennt wurden, von denen indigene Amerikaner vertrieben wurden, wo japanisch-amerikanische Menschen inhaftiert wurden, fragte er jüngst im Gespräch mit der "Washington Post". Was würde es bedeuten, mit solchen Markern an die kollektive Geschichte und ihre beschämenden Teile zu erinnern?

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Eine Reihe von Uhren steht in einem leeren Fabrikgebäude. Eine zeigerlose Uhr ist frontal zu sehen. © Roberto Agagliate / photocase.de Foto: Roberto Agagliate

Gedanken zur Zeit

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Stolpersteine, "stumbling stones" in deutschen Städten sind etwas, das Amerikaner so bemerkenswert finden. Die sperrige "Vergangenheitsaufarbeitung" wiederum ist durch Susan Neiman in den USA bekannt geworden. Die Philosophin, zur Zeit Direktorin des Einstein Forums in Potsdam, hat das Buch "Von den Deutschen lernen" geschrieben und wirbt dafür, sich dem Bösen in der eigenen Geschichte zu stellen. Jahrzehntelang haben die USA es geschafft, ihrer gewalttätigen Vergangenheit aus dem Weg zu gehen. Nach dem Sieg der schwarzen Bürgerrechtler in den 60er-Jahren schien doch alles in Ordnung zu sein. Doch der Sommer 2020 hat mit dem Tod von George Floyd und anderen die Themen Polizeigewalt gegen Schwarze und Rassismus wieder ganz nach vorn gebracht. Und es zeigte sich, dass es 402 Jahre, nachdem das erste Sklavenschiff an der Ostküste ankam, immer noch keine Verständigung zwischen Weißen und Schwarzen über das Urverbrechen der amerikanischen Geschichte, die Sklaverei, gibt. Von Deutschland können die Amerikaner lernen, dass sie ein gemeinsames, nationales Narrativ brauchen, sagt Susan Neiman, das dann auch in allen Schulen unterrichtet wird, egal in welchem Bundesstaat sie liegen. Was die Deutschen wiederum von den Amerikanern lernen können? Dass wir in einer solchen Geschichte nicht nur Opfer, sondern auch Helden brauchen.

Und dann das Thema Reparationen. Deutschland hat über 70 Milliarden Euro an Wiedergutmachung gezahlt. Wie sinnvoll kann solch ein Instrument sein? Solche Fragen auch nur anzusprechen, davon sind liberale und konservative, weiße und schwarze Amerikaner noch weit entfernt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 11.09.2021 | 13:05 Uhr

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