Paul Nolte © imago Foto: Horst Galuschka

Die Einsamkeit der Studierenden

Stand: 09.07.2021 17:47 Uhr

Die Corona-Krise hat gravierende Schwachstellen im Hochschulsystem bloßgelegt: Wenn Hörsaal und Mensa geschlossen sind, bleibt wenig von Zusammenhalt und studentischer Interessenvertretung.

Paul Nolte © imago Foto: Horst Galuschka
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von Paul Nolte

Bald geht für fast drei Millionen Studierende in Deutschland das Sommersemester zu Ende. Auch wenn manche Prüfungen noch ausstehen - bei den allermeisten von ihnen wird die Erleichterung überwiegen, dass das dritte Corona-Semester in Folge überstanden ist. Sehr viele haben den Campus oder ihr Institutsgebäude seit Februar oder März letzten Jahres nicht mehr betreten: Sechzehn Monate dauert der Lockdown an den Hochschulen nun schon. Gewiss, in den naturwissenschaftlichen Fächern konnten manche Studierende in kleinen Gruppen Laborpraktika absolvieren. Aber weit überwiegend fand das Studium im heimischen Zimmer statt, vor dem Computerbildschirm, in der Videokonferenz. Studienanfänger in den ersten Semestern haben noch nichts anderes kennengelernt. Nun gilt das "Prinzip Hoffnung", dass es Mitte Oktober, zum Start des Wintersemesters, anders werde. Vielerorts ist eine Rückkehr in den Präsenzbetrieb, eine Öffnung der Hörsäle und Seminarräume, in Aussicht gestellt - falls eine vierte Welle der Pandemie nicht erneut einen Strich durch die Rechnung macht.

Corona-Lockerungen: Hochschulen haben noch nicht mitgezogen

Wer Studium und Universitäten aus der eigenen Lebenswirklichkeit nicht kennt, mag sich verwundert die Augen reiben: Überall sind doch, ganz markant seit Anfang Juni, geltende Corona-Regeln gelockert worden. Einkaufen, Essen zunächst draußen, bald auch drinnen: mit Negativtest oder Impfnachweis kein Problem. Viele Norddeutsche sind schon in die Sommerferien gefahren oder geflogen. An den Schulen gelang meist innerhalb von zwei Wochen die Rückkehr in den Regelbetrieb, also der Ausstieg aus dem digitalen und dem Wechselunterricht. Haben die Hochschulen da nicht mitgezogen? Anfang Juni war doch gerade mal die Hälfte des Sommersemesters vorbei. Die ernüchternde Antwort ist: Nein, sie haben nicht mitgezogen. Bereits im ersten Jahr der Pandemie zeigte sich, dass die Uhren in diesem Segment unserer Gesellschaft anders gehen - und keinesfalls schneller, wie man angesichts von versammelter akademischer Cleverness vielleicht denken könnte. Vielmehr leisten sich die Universitäten eine Abkopplung von der vorsichtigen Rückkehr in die Normalität, die in kaum einem anderen Bereich denkbar und akzeptabel wäre. Noch ein Beispiel für dieses Schleichtempo? Während Gastwirte in Kneipen und Restaurants glücklich sind, ihre Gäste wieder an den Tischen bedienen zu können, verkündet das Studierendenwerk des Landes Berlin, Betreiber der dortigen Mensen, dass nun an ausgewählten Plätzen Mahlzeiten am Schalter abgeholt werden können. Aber bitte zu beachten: nur mit einem Tag Vorbestellung!

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Keine klaren Konzepte für Wiedereinstieg in die Präsenzlehre

Es dauerte ein ganzes Jahr, bis unserer pandemiefixierten Gesellschaft überhaupt auffiel, dass sie die Universitäten, und an ihnen vor allem die Studierenden, bisher vergessen hatte: Verblüffend für ein Land, das sich gerne mal als die "Bildungsrepublik Deutschland" stilisiert. Erst im April gab Bundespräsident Steinmeier einen Anstoß für die nun zaghaft beginnende Debatte; Ministerpräsidenten und Kultusministerinnen nahmen den Ball auf - doch bisher ohne größere Durchschlagskraft. Neuerdings tauchen die Studierenden auch in der Planung für den so wichtigen Fortgang der Impfkampagne auf. Aber systematische Konzepte, die 18- bis 30-Jährigen in den nächsten drei Monaten vollständig zu impfen, den Studierenden vielleicht eine E-Mail mit einer Impfeinladung zu schicken, fehlen noch immer, ebenso wie klare Konzepte für den Wiedereinstieg in die Präsenzlehre im Oktober. Und bitte glauben Sie nicht, dass die vergangenen fünfzehn Monate für die digitale Aufrüstung der Seminarräume oder ihre Ausstattung mit Luftreinigern genutzt worden wären!

Sind Studierende "systemrelevant"?

Wenn es bereits so schwerfällt, das Problem überhaupt zu fokussieren, verwundert es nicht, dass die Suche nach Ursachen für die Abkopplung der Universitäten und das Vergessen der Studierenden bisher nicht weit gekommen ist. Zwei Erklärungen liegen auf der Hand und sind auch nicht falsch: Erstens sind die Studierenden als Altersgruppe unsichtbar geblieben. Mit Recht wurde versucht, die Alten zu schützen, auch wenn manche Strategien, etwa der totalen sozialen Isolierung, im Rückblick auf dem Prüfstand stehen. Über junge Erwachsene dagegen machte man sich keine Gedanken. Zweitens geht es ja "nur" um Studierende: sind die etwa "systemrelevant"? Einen wirtschaftlichen Nutzen haben sie nicht; die Einschränkungen des Studierens bleiben ohne schädlichen Einfluss auf das Bruttoinlandsprodukt. Aber eine solche Betrachtung ist kurzsichtig, ja falsch. Denn von den individuellen Beschädigungen, von Einsamkeit und Depressionen einmal abgesehen, wird die absehbare Verlängerung der Studiendauer, die Verzögerung von Abschlüssen, der verspätete Eintritt in den Arbeitsmarkt unsere Volkswirtschaft in den nächsten Jahren noch enorm viel kosten.

Warum hat sich niemand gewehrt?

Trotzdem bleiben diese Erklärungen an der Oberfläche. Man muss tiefer bohren, und der naheliegende Ausgangspunkt dafür ist die Frage: Wenn die hier gestellte Diagnose zutrifft, warum haben die Universitäten sich dann nicht gewehrt? Warum haben die Präsidenten und Rektoren nicht für ihre Institutionen und die ihnen anvertrauten Menschen auf die Pauke gehauen? Und warum hat man von drei Millionen Studierenden fast nichts gehört? Warum haben sie nicht auf ihre Lage aufmerksam gemacht und Protest mobilisiert? Immerhin gab es, vor mehr als einem halben Jahrhundert, mal eine Studentenbewegung.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 10.07.2021 | 13:05 Uhr

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