Ein Highway durch die Prärie im Westen der USA. © picture alliance / Zoonar | Galyna Andrushko

Die US-amerikanische Selbstsicht und Weltsicht

Stand: 26.06.2021 13:05 Uhr

Die Zeit unter Donald Trump, so deuten es viele, war geprägt durch Selbstbezüglichkeit und Selbstherrlichkeit. Das alles aber ist ein halbes Jahr nach Amtsantritt des Nachfolgers Joe Biden womöglich nicht einfach verschwunden: Zu tief könnte der Geist der Überlegenheit in vielen Bürgerinnen und Bürgern der USA wurzeln.

Ein Highway durch die Prärie im Westen der USA. © picture alliance / Zoonar | Galyna Andrushko
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von Martin Tschechne

Im September 1935, mitten in der Ära Stalin, machten sich zwei Reporter der sowjetischen Parteizeitung "Prawda" auf eine Reise, die ihnen und ihren Lesern die Augen öffnen sollte. Ihre Namen waren Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, und ihre Exkursion ging mehrere Monate lang durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Was sie dort erkunden sollten, war, ob und, wenn ja, warum es dem Klassenfeind tatsächlich so viel besser ging. Denn so behauptete es ja dessen nimmermüde Propaganda: Amerika sei das Land der Freiheit, es herrschten Wohlstand und Demokratie, und Tellerwäscher sei nur eine Vorstufe zum Millionär. Millionen von Einwanderern waren den Lockrufen gefolgt, nicht zuletzt solche aus Russland. Aber was war dran an diesen Beschwörungsformeln, dieser Überheblichkeit, die jeden Hauch von Zweifel niederdrückte und den Anspruch daraus ableitete, den Rest der Welt zu missionieren?

"Das eingeschossige Amerika"

Was die Reporter vorfanden und ihren Lesern in Moskau und Nowosibirsk beschrieben, war eine Überraschung, für die sie gleich im Titel ihres Reiseberichts eine freundlich-spöttische Metapher fanden: "Das eingeschossige Amerika". Ein Land nämlich, das jeden Besucher aus der alten Welt mit Wolkenkratzern begrüßte, ihn beeindruckte, zugleich auch demütigte - um wenige Straßenzüge hinter der imposanten Kulisse zu schrumpfen auf das Niveau einer Pioniersiedlung in der Prärie, flache Holzhäuser, schnell hingezimmert und einförmig bis zum Horizont. Kurios eigentlich, dass sich ausgerechnet ein russisches Vorbild als Bezeichnung solcher Täuschungsmanöver durchgesetzt hat, nämlich die Attrappendörfer des Fürsten Potemkin aus der Zeit Katharinas der Großen.

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Eine Reihe von Uhren steht in einem leeren Fabrikgebäude. Eine zeigerlose Uhr ist frontal zu sehen. © Roberto Agagliate / photocase.de Foto: Roberto Agagliate

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Natürlich verfehlten der technische Fortschritt und der Optimismus, den er im Land weckte, ihre Wirkung nicht. Ilf und Petrow durchkreuzten die USA in einem komfortablen Achtzylinder - wie auch sonst - von den Schluchten der Wall Street bis zu den Ölfeldern von Oklahoma. Sie trafen handfeste Kerle, die es tatsächlich zum Millionär gebracht hatten, aber selbst Obdachlose zeigten Stolz, Amerikaner zu sein. Henry Ford persönlich pries ihnen die Segnungen der Massenproduktion an – aber oft auch befremdete sie die Bedenkenlosigkeit, mit der Amerikaner etwa ihre neue Waschmaschine oder das noch größere Auto auf Kredit abstotterten. Wie ein rituelles Opfer.

Die Verfassung hat den Gelynchten nicht viel genutzt

Amerika sei eine Fiktion, sagt Jean Baudrillard; als solche aber beherrsche es die Welt. Genau darin liegt für den französischen Philosophen das Wesen dieser Macht. Sie ist weder Traum noch Realität, sondern etwas Drittes: eine Hyperrealität. Eine Utopie, die von Anfang an so gelebt wurde, als wäre sie bereits Wirklichkeit. Das beginnt schon in der Verfassung von 1776: Alle Menschen seien gleich geboren, heißt es da. Aber Thomas Jefferson, der wie eine Tatsache niederschrieb, was eigentlich erst zu erreichen war - er lebte als Sklavenhalter in einer Gesellschaft von seinesgleichen. Und so zieht sich der Rassismus durch die Geschichte der USA wie eine Erbsünde: die indianischen Ureinwohner, tausende von Schwarzen, die vom weißen Mob gelyncht wurden, Martin Luther King, George Floyd. Die Verfassung hat ihnen nicht viel genutzt. Kann es vielleicht sein, dass ein Ideal in dem Moment seine beflügelnde Kraft verliert, in dem einer glaubt, es schon erreicht zu haben? Kann es sein, dass genau da der Konstruktionsfehler liegt? Baudrillard zuckt dazu nur mit den Achseln: "Wir werden sie nie einholen", sagt er, "denn wir werden nie ihre Naivität besitzen."

Während also die Besucher aus der Sowjetunion noch die Köpfe schüttelten über all die Unvernunft unter den Kapitalisten, erreichten sie Hollywood und erlebten in den Filmstudios der Traumfabrik die Fließbandproduktion einer immer gleichen Moral: Jeder kann es schaffen. Amerika ist das Land der Helden. Wir lassen keinen zurück.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 03.07.2021 | 13:05 Uhr

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