Sendedatum: 03.01.2014 15:20 Uhr  | Archiv

Islamismus: eine Frage der Definition

von Reiner Scholz

Wann ist jemand Islamist?

Muslime beim Gebet. © NDR/Martin D'Costa Foto: Martin D'Costa
Islam heißt "Unterwerfung unter Gott". Gläubige in der Imam-Ali-Moschee, Hamburg.

Zu den Islamisten zählt der Verfassungsschutz nicht nur die Mitglieder und Anhänger kleiner radikaler Gruppen, sondern auch den Verein "Milli Görüs", mit mehr als 30.000 Mitgliedern die zweitgrößte muslimische Religionsgemeinschaft in Deutschland. Islamwissenschaftler wie Ali Özdil halten diese Einschätzung für willkürlich. Er kennt viele Moscheen der Milli Görüs, kurz IGMG genannt: "Fragen sie mal die Leute, die hier in die Moschee kommen. Diese alten Leute, die hierher kommen, Tee trinken, bisschen Fernsehen gucken, dann das Gebet verrichten. Die interessiert Gesundheit, Arbeitslosigkeit, sie interessiert, wie es um die Zukunft der Kinder bestellt ist. Die meisten der 30.000 IGMG-Mitglieder interessieren sich nicht für Politik, so dass die Themen eigentlich von außen hereingetragene Themen sind, die für die meisten nur Nebensächlichkeiten sind."

Ali Özdil selbst ist nicht Mitglied von Milli Görüs, arbeitet aber mit ihr zusammen. Das hat ihm den Vorwurf eingebracht, selbst ein Islamist zu sein. In Schulungen für Bundeswehr-Offiziere  sagt er zuweilen, sie würden gerade von einem Islamisten unterrichtet, was die Soldaten mit einem Schmunzeln quittieren. Andere nehmen das nicht so locker: "Ich bin einem Lehrer in Berlin begegnet, dem die deutsche Staatsbürgerschaft wieder entzogen wurde, weil man gesagt hat, Sie haben bei den Angaben nicht angegeben, bei der IGMG tätig gewesen zu sein."

Ali Özgür Özdil

Ali Özgür Özdil (Jahrgang 1969) ist Islamwissenschaftler und Religionspädagoge. Er ist Mitglied der Interreligiösen Arbeitsstelle (INTR°A), Mitbegründer der Schura Hamburg (Rat der Islamischen Gemeinschaften) und Lehrbeauftragter der Universitäten Hamburg und Osnabrück. Zudem ist er Direktor des von ihm 2002 gegründeten Islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstituts e.V. und Herausgeber einer eigenen Schriftenreihe.

Vorurteile gegenüber Muslimen

Alle Umfragen bestätigen, dass Muslime in Deutschland ein Imageproblem haben. 40.000 von ihnen zu Islamisten zu erklären, sei ein Teil dieses Problems, erklären Organisationen wie der "Interkulturelle Rat", eine Initiative von Gewerkschaftern und kirchlichen Gruppen. Sie plädieren dafür, nur diejenigen als Islamisten zu bezeichnen, von denen wirklich eine Bedrohung ausgeht. Da wäre man dann eher bei 2.500 Muslimen als bei 40.000.

Die Sendung zum Nachhören
Muslime lesen am "Tag der offenen Moschee" in der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm in Berlin in einem Koran. © dpa Foto: Rainer Jensen
4 Min

Das Vorurteil des Islamismus

Laut Verfassungsschutz gibt es 40.000 Islamisten. Experten halten diese Zahl für zu hoch. Wann ist jemand Islamist und anhand welcher Maßstäbe wird das beurteilt? 4 Min

Übersicht
Die Kuppel des Felsendoms in Jerusalem © NDR

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NDR Kultur | Freitagsforum | 03.01.2014 | 15:20 Uhr

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