Sendedatum: 01.11.2013 15:20 Uhr

Was ist Muslimen heilig?

von Jan Ehlert

NDR Kultur: Wie ist das denn von Ihrer Familie, von Ihrem Freundeskreis aufgenommen worden? Gab es da überraschte, vielleicht auch ablehnende Reaktionen?

Klausing: Die Frage kommt oft. Mich hat auch mal eine ältere Dame auf Reisen in Ägypten gefragt: "Haben sie dich geschlagen, waren sie gemein zu dir, als du dann Muslima wur­dest?" Das kann ich alles glücklicherweise verneinen. Ich habe einen sehr guten Familienzusammenhalt, der dadurch überhaupt nicht gestört wurde. Klar gab es Fragen und Irritationen, aber nie ein grundsätzliches Misstrauen. Ich habe aber viele Menschen kennengelernt, die andere Geschichten erlebt haben.

NDR Kultur: Ein Grund ist auch das Vorurteil, das über den Koran herrscht, dass er nämlich Frauen als nicht gleichberechtigt ansieht. Trotzdem haben Sie sich als Frau nach der Lektüre dafür entschieden. Wie sehen Sie das?

Kathrin Klausing am 30.10.2013 © NDR Foto: Jan Ehlert
"Mir ist das Wochenende heilig", erzählt Kathrin Klausing im Gespräch. Sie verbringt ihre Freizeit am liebsten mit der Familie.

Klausing: Das ist ein Vorurteil. Ich kann jetzt aber nicht sagen, dass es auf nichts fußt. Es gibt bestimmte Dinge, die man vor allen Dingen durch die Medien wahrnimmt. Ganz prominent ist das Fahrverbot für Frauen in Saudi-Arabien. Das ist nun mal ein islamisches Land, das diese Legislation herausgibt und Frauen ganz massiv benachteiligt. Das wird manchmal auch einseitig dargestellt, aber im Grunde genommen beruht es auf einem Fakt. Deswegen kann ich jetzt nicht sagen, es ist ein gnadenloses Vorurteil. Es besteht ein orientalistischer Diskurs, der sagt, die Frau ist im Islam unterdrückt, aber das kann ich überhaupt nicht unterschreiben. Es gibt dort ganz viele Lesarten, die mir ein sehr positives weibliches Selbstbewusstsein als muslimische Frau ermöglichen. Und in dem habe ich mich auch immer wiedergefunden.

NDR Kultur: Aber das ist ja zum Glück nicht nur eine individuelle Lesart von Ihnen, sondern Sie sind am Institut in Osnabrück ja auch als Frau vollständig integriert.

Klausing: Ich bin da vollständig integriert. Ich bin da mit meinen anderen Kolleginnen einfach eine Kollegin unter vielen Kollegen.

NDR Kultur: Sie verfolgen natürlich, wie der Islam in Deutschland gesehen wird. Was würden Sie sich wünschen?

Klausing: Manchmal würde ich mir wünschen, dass gar nicht so viel darüber diskutiert werden würde. Für mich ist es ein übertriebenes Interesse, das oft weniger ein Interesse am Islam selbst ist, sondern ein Mechanismus, an dem man eben bestimmte Selbstbilder abarbeitet.

Und ich wünsche mir, dass Muslime selbst den Diskurs über den Islam mitbestimmen. Das heißt, dass sie eigene Inhalte setzen, dass sie nicht – wie es so oft in der Vergangenheit der Fall war – einfach nur Zeugen für bestimmte Diskussionen sind. Das sehe ich nun durch die Schaffung des Instituts für Islamische Theologie durchaus gegeben. Da steckt ein großes Potential dahinter, wenn Muslime auch Experten für ihre eigene Religion sein können und auch als solche wahrgenommen werden.

Das Interview führte Jan Ehlert, NDR Kultur.

Übersicht
Die Kuppel des Felsendoms in Jerusalem © NDR

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NDR Kultur | Freitagsforum | 01.11.2013 | 15:20 Uhr

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