Stand: 11.09.2020 10:53 Uhr

"Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben"

von Lenore Lötsch

"Ich habe die meiste Zeit meines Lebens damit verbracht, mir die Frage nach meinem Zuhause zu beantworten." Dieser Satz steht in einem neu erschinenen Buch der jungen Lehrerin und Journalistin Melisa Erkurt. "Heimat ist ein Ort, zu dem ich keinen Zutritt habe", schreibt sie. Doch es geht nicht nur um sie, um die Fremdheit der jungen Muslima, die 1991 als Kleinkind mit ihrer Mutter aus Sarajevo nach Österreich flüchtete. Das Buch von Melisa Erkurt ist eine Analyse des österreichischen Bildungssystems, es lenkt den Blick auf die Bildungsverlierer und es ist eine Streitschrift, die man verschlingt. Lenore Lötsch stellt das Buch "Generation haram. Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben" vor.

Buchcover: Melisa Erkurt - Generation haram © Zsolnay Verlag
"Generation haram. Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben" ist im Zsolnay Verlag erschienen und kostet 20,00 Euro.

"Viele fragen mich, ob meine Eltern stolz auf mein Buch sind. Und ich denke dann: Nee! Mein Vater kann es nicht lesen und meine Mutter hat nur Angst, wie die Mehrheitsgesellschaft reagiert", sagt Erkurt. Es sind Sätze wie diese, die erklären, warum Melisa Erkurt sich auch als Akademikerin immer noch miteinschließt, wenn sie ihr Buch denen widmet, "die nie eine Chance hatten. Für die Verlierer dieses Bildungssystems".

2016 hat sie ihr Lehramtsstudium abgeschlossen. Sie hat Deutsch an einem Wiener Gymnasium unterrichtet und stand hilflos vor den migrantischen Jugendlichen, deren Deutsch und deren Selbstwertgefühl katastrophal waren. Sie wollte sie motivieren, doch sie hatte im Studium nur gelernt, dass sie sie aussortieren sollte: "Wir werden ausgebildet, um Pauls und Annas auszubilden, wo die Eltern daheim helfen können. Wenn mir Volksschullehrerinnen sagen, sie wissen in der ersten Woche schon, wer es schafft und wer nicht, dann ist das ein Armutszeugnis."

Harte Kritik am Bildungssystem

Seit der Zeit, als die ersten Gastarbeiter kamen, hat sich kaum etwas verändert: Noch immer brauchen migrantische Schülerinnen und Schüler für eine gelingende Bildungslaufbahn in Österreich vor allem Glück, so Erkurt. Sie müssen der einen Person begegnen, die an sie glaubt; und zornig schreibt sie in ihrem Buch: "Dass sich das Bildungssystem eines der reichsten Länder der Welt auf eine einzelne Person verlässt, ist ein Skandal."

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Bei ihr war es die Volksschullehrerin: "Sie hat nach der vierten Klasse jedem einzelnen Schüler ein Album angefertigt, wo sie Fotos reingeklebt hat. Ich kann mich noch ganz genau erinnern, wie ich ans Gymnasium gekommen bin und eine Drei in Deutsch bekommen habe, weil die Lehrerin meinte, jemand wie ich kriegt nie etwas Besseres. Da habe ich mir dieses Album durchgelesen, wo drin stand, welche Talente ich habe, und das hat mich weitermachen lassen."

Fehlende Vorbilder

14 Kapitel hat ihr Buch und es nimmt die muslimischen Schülerinnen und Schüler in den Blick, über die immer dann öffentlich und lautstark diskutiert wird, wenn es um Themen wie Schweinefleischverbot, Zwangsheirat, Islamunterricht, abwesende oder streng konservative Eltern geht.

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Ändert das System! - so Erkurts eindringlicher Appell. Und haltet euch nicht bei den Eltern auf. Statt die zu sanktionieren, braucht es verpflichtende kostenlose Ganztagsschulen, interkulturell geschultes Personal, das mit anderen Codes aufgewachsen ist und übersetzen kann. Muslimischen Schülerinnen und Schülern fehlen die Vorbilder, ob im Journalismus, im Sexualkundeunterricht oder im Feminismus. "Die fühlen - vor allem wenn es ums Kopftuch geht -, dass sie eigentlich nicht gemeint sind", so Erkurt. "Die weißen Feministinnen haben trotzdem eine Hierarchie und sagen: 'Nur wenn ihr das Kopftuch ablegt, könnt ihr Feministinnen sein.' Ich trage auch kein Kopftuch - ich bin Muslima, aber es macht für mich keinen Sinn. Aber ich würde nie auf die Idee kommen, einer anderen Frau zu sagen, dass das feministisch ist und das nicht. Auch im deutschsprachigen Raum fallen mir kaum Feministinnen mit Migrationshintergrund ein, denen zugehört wird. Denen wird nur zugehört, wenn sie ihre migrantischen muslimischen Männer kritisieren."

Auch eine Erörterung zu schreiben über den Skitourismus - wie in diesem Jahr in der Abituraufgabe im Fach Deutsch - ist eine Diskriminierung für migrantische Jugendliche, sagt die 29-Jährige. Denn zu deren Lebenswirklichkeit gehört selten ein Skiurlaub.

"Der Unterricht ist noch immer auf Theorie angepasst"

Das Buch "Generation haram" ist eines, das mit Furor geschrieben wurde und Widerspruch von denen herausfordert, die vor allem den Kanon bewahren wollen. Wenn wir weiter beispielsweise im Deutschunterricht nur auf Goethe und Schiller setzen, sind Bücher wohl bald Luxusgüter für Privilegierte, und Lesen wird zur elitären Kulturtechnik. "Der Unterricht ist noch immer auf Theorie angepasst und verlässt sich darauf, dass die Kinder am Sonntagstisch über Politik diskutieren und die Tageszeitung lesen. Aber das stimmt nicht bei den Schülerinnen und Schülern, die wir haben. Deshalb müssen wir das übernehmen."

Aufgeschlagenes Buch © Fotolia.com Foto: Donald Joski
AUDIO: "Generation haram" - Die nie eine Chance hatten (5 Min)

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NDR Kultur | Freitagsforum | 11.09.2020 | 15:20 Uhr

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