Frau mit Schleier © picture alliance / dpa Foto: Boris Roessler

Vollverschleierte Frauen: "Das verstört mich jedes Mal!"

Stand: 05.02.2021 13:41 Uhr

Einige muslimische Frauen tragen in der Öffentlichkeit selbstbewusst Gewänder und Gesichtsschleier mit schmalem Schlitz. Die Publizistin und Autorin Canan Topçu fragt sich in ihrem Kommentar, welche Gründe es für das Tragen eines Schleiers geben könnte.

Eine junge Frau mit Niqab schaut in die Kamera. © gleb_pokrov/photocase.de Foto: gleb_pokrov
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von Canan Topçu

Was geht in den Köpfen von Frauen vor, die sich freiwillig das Gesicht verschleiern? Kaum dass ich mich in Gedanken dieser Frage widme, höre ich auch schon die Stimmen derer, die sich als Fürsprecherinnen von Muslimen zu Wort melden: "Wo ist das Problem? Lass doch die Frauen tragen, was sie wollen!"  

Mache ich doch! Ich gehe ja nicht auf die Frauen zu und reiße ihnen den Schleier vom Gesicht herunter. Die Frage beschäftigt mich aber ernsthaft - vor allem dann, wenn ich in der Öffentlichkeit verschleierte Frauen sehe. Das verstört mich jedes Mal!

Frauenverachtende Interpretation des Korans

Seit ich Corona-bedingt in der Öffentlichkeit eine Maske trage, habe ich eine Ahnung davon, welch eine Beeinträchtigung der Gesichtsschleier ist. Abgesehen von ganz pragmatischen Handlungen wie Naseputzen, Essen und Trinken behindert die Maske auch die Kommunikation. Mein Gegenüber kann nicht wirklich erkennen, ob ich freundlich oder mürrisch bin, ob ich überrascht oder verschreckt, ob ich zugewandt oder abweisend bin.

Warum schränkt sich eine Frau freiwillig so ein? Warum folgt eine Muslima hierzulande einer so dermaßen frauenverachtenden Interpretation des Korans? Ich würde es gerne verstehen wollen. Meine bisherigen Bemühungen, von verschleierten Frauen eine nachvollziehbare Antwort zu erhalten, waren wenig erfolgreich. Wenn sich die Gelegenheit ergab, habe ich nämlich versucht, mit Frauen ins Gespräch zu kommen und ihre Gründe zu erfahren. Ehrlich gesagt: Die Antworten klangen zu sehr wie vorbereitet, klangen nach Textbausteinen, die das religiöse Gebot, die Freiwilligkeit und die Freiheit betonen. Ihre Gründe haben mich nicht wirklich überzeugt.

Unterschiedliche Gründe für den Vollschleier

Canan Topcu in der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" © dpa/picture alliance
Canan Topçu kann die Vollverschleierung muslimischer Frauen nicht nachvollziehen.

Der Bedeutung von Koransuren, die sich mit der Verhüllung von Frauen befassen, sind zig Abhandlungen gewidmet; würde man sie alle nebeneinander stellen, dann würden sie sicherlich mehrere Meter in Buchregalen füllen. Während die einen muslimischen Wissenschaftler sich einig darüber sind, dass das Tragen des Gesichtsschleiers keine Pflicht ist, gibt es wiederum islamische Gelehrte, die entsprechende Koransuren ganz anders auslegen - nämlich, dass Mädchen ab der Pubertät und Frauen außerhalb des familiären Raums Haar und Gesicht nicht zeigen dürfen. Was ich aus meinen Recherchen mitgenommen habe: Der Gesichtsschleier diente in vorislamischer Zeit auf der arabischen Halbinsel Männern und Frauen als Schutz gegen Sonne, Wind, Sand und Ungeziefer. Warum aus dieser nachvollziehbaren pragmatischen Alltagspraxis im Laufe der Zeit eine Vorschrift für Frauen wurde, ist sicherlich auch erforscht.

Die Gründe für den Vollschleier sind unterschiedliche: Mal ist es die Erziehung und damit verbundene Gottesfurcht, mal Schamgefühle und die Überzeugung, dass der Körper einschließlich des Gesichts zur Intimsphäre gehört und vor Fremden zu schützen ist. Mehr als die Genese interessiert mich aber eine andere Frage: Wie es dazu kommt, dass Frauen sich auch in Ländern, in denen es diese Pflicht nicht gibt und sie sich nicht strafbar machen, freiwillig dieser Bekleidungsvorschrift folgen.

Für ein respektvolles Miteinander

Natürlich kann jede Frau so herumlaufen, wie sie will. Es fällt mir aber schwer, Verständnis aufzubringen für Frauen, die sich patriarchalen Interpretationen von Koransuren unterwerfen, vor allem dann, wenn es sich um junge Frauen handelt, die hier geboren und aufgewachsen sind. 

Wer Respekt erwartet, sollte diesen auch anderen entgegenbringen. Zum respektvollen Miteinander gehört für mich, dem Gegenüber nicht die wesentlichen Elemente der zwischenmenschlichen Kommunikation zu verweigern, also: das Gesicht zu zeigen. Wer sich durch den Schleier der Interaktion mit anderen entzieht, mag noch so selbstbewusst sein, verhält sich aber alles andere als sozial.

In der Corona-Zeit stellen wir fest, wie wichtig Mimik ist und wie sehr uns die Resonanz des Gegenübers fehlt. Wir handeln verantwortlich und tragen Masken - in dem Wissen, dass wir uns in einem Ausnahmezustand befinden. Wir werden unsere Masken wieder ablegen. Für Frauen, die eine Vollverschleierung tragen, bleibt das Leben auch weiter ein Ausnahmezustand.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 05.02.2020 | 15:20 Uhr

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