Mouhanad Khorchide © picture alliance / dpa Foto: Uwe Zucchi

Nach dem Anschlag in Nizza: Braucht der Islam eine Reform?

Stand: 30.10.2020 13:19 Uhr

Die brutale Messerattacke von Nizza hat weltweit Entsetzen ausgelöst. Der Religionspädagoge Mouhanad Khorchide warnt davor, dass Islamisten weltweit freiheitliche Gesellschaften umstürzen wollten.

von Mouhanad Khorchide

Der Täter rief "Allahu Akbar": Der grauenvolle Mordanschlag in der Basilika Notre Dame von Nizza, bei dem drei Menschen bestialisch getötet wurden, wirft die Frage nach dem Verhältnis des Islams zur Gewalt erneut auf. Im Koran wird Gewalt an einigen Stellen angesprochen. Gelten aber diese Aussagen auch heute für Musliminnen und Muslime? Fundamentalisten würden sagen, der Koran müsse wortwörtlich gelesen werden. Seine Anweisungen gälten für die Ewigkeit, jede Relativierung von Gottes Wort sei eine Verfälschung und daher Häresie.

Den Koran im historischen Zusammenhang verstehen

Um den Islam von Gewaltpotentialen möglichst zu befreien, braucht er eine Reform. Diese betrifft zum Beispiel den Umgang mit dem Koran. Eine zeitgemäße Lesart des Korans verlangt von Muslimen, seine Aussagen in ihrem historischen Zusammenhang zu verstehen. Die Gewaltaussagen im Koran beschreiben bestimmte kriegerische Situationen im siebten Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel, stellen aber keineswegs Befehle an die heutigen Muslime dar. Eine Rechtfertigung für Gewalt und Terror sind sie heute nicht.

Die historische Einordnung des Korans würde auch solche Aussagen, die aus unserer heutigen Sicht als patriarchalisch und daher frauenfeindlich klingen, entschärfen. Dass der Koran zum Beispiel den Frauen Erbanteile zuspricht, war für den damaligen Kontext ein revolutionärer Schritt. Da diese Erbanteile aber nicht denen der Männer entsprechen, gelten solche koranischen Aussagen aus unserer heutigen Perspektive als frauenbenachteiligend. 

Die Befreiungsbotschaft des Islam

Der Koran, wie ich ihn verstehe, gab den Menschen im siebten Jahrhundert die Richtung der Veränderung ihrer Gesellschaft vor. Er wollte die Gläubigen Stück für Stück befreien. Die Frauen sollten schrittweise ihre Unabhängigkeit von den Männern erlangen, der Koran beschreibt allerdings nur erste Schritte. Bleiben Muslime bei diesen stehen, dann müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, der Islam sei eine frauenfeindliche Religion. Verstehen Muslime hingegen den Koran als richtungsweisend im Sinne der Befreiung des Menschen, dann würden sie seine Aussagen als erste Schritte eines langen Prozesses lesen. Eine Reform des Islam ist deshalb notwendig, um weitere Schritte in diese Richtung zu gehen.

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Der Islam ist also keineswegs am Ende eines Weges angekommen. Er ist so lange lebendig und so lange im Wandel begriffen, wie er Anhänger hat, die ihn in ihr Leben integrieren wollen, und zwar im Sinne seiner Befreiungsbotschaft. Um diese Botschaft heute zum Entfalten zu bringen, müssen Musliminnen und Muslime auch die Gott-Mensch-Beziehung neu reflektieren: Handelt es sich um eine Unterwerfungsbeziehung, wie viele meinen, oder um eine Liebesbeziehung, wie es der Koran in Sure 5, Vers 54 beschreibt? Dort heißt es nämlich: "Gott erschafft Menschen, die er liebt und die ihn lieben". Aber Liebe setzt Freiheit voraus, denn Liebe kann nicht erzwungen werden, sie ist vielmehr ein Geschehen der Freiheit. Der Mensch ist aber nur dann frei, wenn er sich als Selbstzweck und nicht als Mittel zum Zweck wahrnimmt.

Die Notwendigkeit einer Islam-Reform

Aber kurz nach dem Tod des Propheten Mohammed wurde der Islam zum Machtinstrument in den Händen jener, die um das Kalifat kämpften. Dem Herrscher wurden göttliche Kompetenzen zugeschrieben und daraus leitete sich ein umfassender Führungsanspruch ab, der die Menschen zu hörigen Objekten degradierte. Mit einer Religion der Liebe und Barmherzigkeit hatte das nichts mehr zu tun. Eine Reform ist heute deshalb notwendig, um den Islam von dieser Geiselnahme durch die Politik, wie wir dies zum Beispiel aktuell unter dem Regime von Erdogan erleben, zu befreien. Zeiten und Zusammenhänge ändern sich. Nur durch ständige Reformen kann der Islam seine Befreiungspotentiale immer wieder neu entfalten.

Mouhanad Khorchide © picture alliance / dpa Foto: Uwe Zucchi
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