Eine Frau sitzt vor dem PC © BARBARA GINDL / APA / picturedesk.com

Muslimisches Gemeindeleben während der Corona-Zeit

Stand: 10.12.2021 12:03 Uhr

Seit in Deutschland fast flächendeckend die Corona-Regeln verschärft wurden, bleiben viele Menschen zuhause. Das betrifft auch das muslimische Gemeindeleben. Viele Treffen finden deshalb nun digital statt.

Hände auf der Tastatur eines Laptops. © fotolia Foto: bufalo66
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von Annett Abdel-Rahman

Annett Abdel-Rahman leitet eine Frauengruppe in einer kleinen Moschee in Hannover. Sie kann den virtuellen Versammlungen durchaus etwas Positives abgewinnen. Ein Gast-Kommentar.

Gespräche und Gebete beim monatlichen Frauentreffen

Schon auf dem Weg zur Moschee stellen sich die Gedanken auf die Gemeinschaft unserer Frauengruppe ein und schieben die alltäglichen Fragen etwas beiseite. Unser monatliches Frauentreffen beginnt immer mit zwei kleinen Vorträgen, die uns an grundlegende Fragen unseres Glaubens erinnern: an die Liebe zu Allah, daran, wie Gott sich den Menschen zeigt und auch daran, was mich als gläubigen Menschen ausmacht. Wir sprechen auch darüber, wie wir mit Sorgen und Problemen besser umgehen können. Nach den Vorträgen beten wir gemeinsam, dann kommt der gemütliche Teil und wir trinken Tee, naschen Kleinigkeiten und Kuchen, den die Frauen mitgebracht haben. Dieser Austausch ist immer herzlich und liebevoll, man hört sich zu und versucht, sich gegenseitig zu unterstützen. Und es wird immer viel gelacht. Willkommen ist jede Frau, egal woher sie kommt oder wie alt oder jung sie ist. Dieses Treffen ist für viele von uns eine kleine Oase geworden, ein liebgewordener Moment des Luftholens und Auftankens.

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Männer beten in einer Moschee © imago

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Die virtuelle Zusammenkunft ersetzt nicht die persönliche Begegnung

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben das verändert, die Kontaktbeschränkungen lassen keine Treffen in den Moscheeräumen mehr zu oder die Bedingungen dafür sind schwierig. Also haben wir beschlossen, wie viele andere auch, uns online zu treffen. Und uns weiter auszutauschen. Aber das Zusammentreffen ist trotzdem anders.

Annett Abdel-Rahman © NDR
Annett Abdel-Rahman leitet eine Frauengruppe in einer kleinen Moschee in Hannover.

Es fehlt die liebevolle Umarmung der Freundin, das angeregte Gespräch zwischen zwei Bekannten, die sich vielleicht seit Wochen nicht gesehen haben. Das laute Lachen des kleinen Grüppchens von Frauen, die zufällig am Tisch nebeneinandersitzen. Die kleinen liebevollen Gesten, die diesem Zusammensein den Charme geben, sind im Online-Format nicht eingebaut. Schon der Weg zur Moschee fehlt, auf dem sich die Seele auf das Treffen und das Koran-Lesen einstellt. Stattdessen ist man sofort mit wenigen Klicks miteinander verbunden Man sitzt dort, wo gerade Platz ist und wird abgelenkt, es klingelt an der Tür oder man erledigt andere Dinge nebenbei. Die innere Ruhe und die Fokussierung auf den eigenen Glauben, die Beziehung zu Allah, stellen sich so viel schwerer ein. Gespräche sind nur noch frontal möglich, manchmal sogar ohne Blickkontakt, weil die Verbindung mal wieder keine Kamera zulässt. Zusätzlich wird deutlich, dass der Kreis der Frauen, der sich trifft, kleiner geworden ist, die Gemeinschaft bröckelt. So, wie in vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens auch, ersetzt die virtuelle Zusammenkunft nicht die persönliche Begegnung.

Es ist wichtig, die Perspektive zu wechseln

Trotzdem können auch die Online-Treffen ein Gewinn sein. Es ist wichtig, die Perspektive zu wechseln und nicht nur zu sehen, was fehlt, sondern auch wahrzunehmen, was trotzdem gut gelingt.

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Auch online ist es schön, die anderen Frauen zu sehen und sich auf diese Weise zu begegnen und zuzuhören, wie es der anderen geht. Das Online-Format erleichtert es Frauen teilzunehmen, die vielleicht nicht in der Nähe wohnen oder aus anderen Gründen nicht kommen könnten. Die regelmäßigen kleinen Vorträge zu religiösen Aspekten des Lebens sind geblieben, auch der Online-Austausch über Fragen des Glaubens stärkt.

Auch wenn die Umarmung fehlt und der Kuchen nicht geteilt werden kann, so kann das liebevolle Wort, die lustige Erzählung oder der tiefe Gedanke der anderen ein Antrieb sein, die Situation mit Geduld hinzunehmen und zu versuchen, das Beste daraus zu machen.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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