Ein Imam wird in einer Moschee von einer Handykamera gefilmt © picture alliance/dpa/Sputnik

Moscheegemeinden bauen ihre Online-Angebote aus

Stand: 11.12.2020 09:04 Uhr

Islam und Internet - da denken Viele sofort an Salafisten, an terroristische Machenschaften militanter Islamisten. Aber gerade in Coronazeiten gehen immer mehr Moscheen und Gemeinden ins Internet.

Ein Imam wird in einer Moschee von einer Handykamera gefilmt © picture alliance/dpa/Sputnik
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von Kerry Rügemer

Es werden Freitagsgebete gestreamt und auch immer mehr junge MuslimInnen präsentieren sich zunehmend in verschiedenen sozialen Medien. Der Mediendienst Integration hat zu diesem Thema ExpertInnen zu einem Gespräch eingeladen: Welche Folge hat die zunehmende Internetpräsenz für den Islam?

Moscheegemeinden vorwiegend auf Facebook aktiv

Samira Tabti ist Religionswissenschaftlerin in Bochum und forscht unter anderem zum Thema Religion und Online-Medien. Bei der Frage, wo die mehr als 2.000 in Deutschland beheimateten Moscheegemeinden im Internet aktiv sind, kommt sie zu einem klaren Ergebnis: "Auf Facebook findet das Wesentliche statt, was Kommunikation, was Inhalte, Vermittlung etc. anbelangt."

Das sei nicht unproblematisch, denn zwar sei es wichtig für die Gemeinden, sich neben einer eventuell vorhandenen eigenen Website auch auf Facebook zu präsentieren, aber: "Facebook ist gerade bei den jüngeren Muslimen kaum noch ein Thema. So etwas wird dann von den Gemeinden nicht berücksichtigt, nicht reflektiert, dass Facebook 'out' ist, und Tic Toc, Twitter oder Instagram da eine wesentlich größere Rolle spielen."

"Isalmisten nutzen das Internet deutlich effizienter"

Ein weiteres Problem ist die Sprache: Häufig gibt es die Inhalte nur auf Türkisch. Damit erreichen die Gemeinden nur einen Teil der interessierten Muslime und Musliminnen im Netz. Ultrakonservative Salafisten oder Islamisten, die junge Menschen werben wollen, nutzen das Internet dagegen deutlich effizienter und häufig auf Deutsch, so Ali Özdil, der Leiter des Islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstituts in Hamburg: "Die haben gefühlt einen Vorsprung von zehn Jahren und Tausenden von Videos."

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Imame, die einen liberaleren Islam vertreten, gingen bislang kaum online, hat Özdil festgestellt: "Sie sagen, dass sie als Muslime immer komisch beäugt werden und es immer wieder Leute gibt, die etwas aus dem Kontext reißen oder etwas Zweideutiges gegen sie verwenden. Deswegen gehen sie nicht in die Öffentlichkeit."

Corona als Katalysator

Die öffentliche Präsenz der Moscheegemeinden im Internet sei aber wichtig, sagt Özdil. Er glaubt: "Je mehr Moscheen produzieren - ob in türkischer, arabischer, aber vor allem auch in deutscher Sprache -, desto mehr prägen sie das Islambild so, wie es dem Mainstream entspricht - und nicht einer Splittergruppe."

Und seit März ändert sich da viel: Da Corona-bedingt auch viele Moscheen geschlossen bleiben müssen, nimmt die Präsenz auf verschiedenen Internet-Plattformen deutlich zu, stellt Samira Tabti fest: "Man kann sagen, dass Corona einen katalysatorischen Effekt hatte, was Online-Verwendung anbelangt."

Muslime immer noch ein Spezialthema in den Medien

Auch jenseits der Moscheegemeinden werden immer mehr, vor allem junge Musliminnen und Muslime, im Internet aktiv, sagt Merve Kayikci. Sie ist Journalistin, Bloggerin und produziert seit letztem Jahr den Podcast "Primamuslima". Sie kennt sich vor allem mit den von jüngeren Leuten genutzten sozialen Medien wie Instagram aus. Dort seien Muslime und Musliminnen quer durch alle Themenbereiche - von Mode über Klimawandel bis hin zu religiösen Fragen - zahlreich vertreten.

Was sie aber sehr stört, ist, dass Muslime und Musliminnen in den Medien immer noch als etwas Spezielles statt Normales wahrgenommen würden: "Ich fände es besser, wenn es keinen extra Content für Muslime geben müsste, sondern wenn in allem Muslime automatisch mitgedacht werden. Ich möchte zum Beispiel in der Sendung mit der Maus oder in der Tagesschau erkennen, dass Muslime nicht als Spezialthema betrachtet werden, sondern dass wir Teil der Oberthematik sind."

Nachhaltige Veränderungen durch Corona

Das Fazit aller drei Experten: Es ist gut und überfällig, dass die Online-Präsenz von Imamen und Moscheegemeinden deutlich zunimmt und selbstverständlicher wird. Damit Antworten auf Fragen rund um den Islam nicht nur von radikalen, rückwärtsgewandten Gruppierungen und Menschen präsent sind. Durch Corona ändert sich da auch nachhaltig etwas, glaubt Ali Özdil: "Dann haben sie auch eine eigene Stimme, dann werden sie nicht fremd definiert, sondern können sich selbst erklären."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 11.12.2020 | 15:20 Uhr

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